Gedanken zur Weltstillwoche

Hui, es regnet Mutter-Content hier gerade. Ist aber Zufall. Ich dachte schon länger darüber nach, mal was über’s stillen zu schreiben, und jetzt kam halt die Weltstillwoche als Anlass des Weges.

Mit dem Stillen ist es so, wie mit fast allen anderen Dingen, die das Elternsein betreffen: Absolut jeder scheint dazu eine unverrückbare Meinung zu haben, diese auch ungefragt mitteilen zu wollen und das Spektrum der Meinung geht von reinweiß bis rabenschwarz. Außerdem haben alle recht und alle anderen sind Extremisten. Ich möchte daher gern mal was unpathetisch-undogmatisches beitragen. Diese ganze Dogmatisierung von Elternschaft geht mir nämlich furchtbar auf den Zeiger.

Ich hatte nie ernsthaft erwogen nicht zu stillen. Ich kannte nur gestillte Kinder, das Stillen wird gemeinhin von jedem mit dem man in der Schwangerschaft redet empfohlen, die WHO findet es auch gut. Ich will diese Diskussion hier auch gar nicht aufmachen, es erscheint mir einigermaßen medizinisch gesichert, dass Muttermilch die beste Nahrung für ein Baby ist, allerdings halte ich Flaschennahrung keinesfalls für Teufelszeug, wie man ja erheblich vielen einschlägigen Blogs und Websites entnehmen kann. Ich verurteile niemand, der sich gegen das Stillen entscheidet. Ganz im Gegenteil kann ich die Entscheidung durchaus nachvollziehen. Ich ging dennoch in der Schwangerschaft selbstverständlich davon aus zu stillen, hatte mir aber auch wenig Gedanken über wie lang und wie abstillen und andere praktische Erwägungen gemacht. Ich hatte natürlich viel gelesen, welche Erstschwangere tut das nicht? Und man liest viel darüber wie toll und besonders und erfüllend das stillen ist.

Nun, als der Minimensch zu früh und viel zu klein und leicht zur Welt kam, war von toller erfüllender Stillromantik zunächst mal wenig zu spüren. Er musste erstmal Flaschennahrung kriegen, da führte kein Weg dran vorbei und er war dann auch so schwach, dass das saugen ihn vollkommen ermüdete und ich um abpumpen nicht herum kam. Dabei waren die Kinderkrankenschwestern im Krankenhaus dermaßen unhilfreich, dass ich zu verzweifeln drohte. Puh was wurde da ein Druck aufgebaut, wie respekt- und lieblos mit den gerade entbundenen Frauen umgegangen. Als ich am dritten Tag zum ersten Mal eine Stillberaterin zu Gesicht bekam, war ich schon überzeugt, das Kind müsse verhungern. Diese Kombination aus 100% Druck und 0% Verständnis ist wirklich unerhört und leider kein Einzelfall.

Und das ist mir tatsächlich sehr wichtig: für sehr viele Frauen ist stillen am Anfang nicht so besonders toll, sondern ziemlich frustrierend, anstrengend und kräftezehrend. Die erste Woche musste ich den Minimensch Tag und Nacht alle 2 Stunden wecken, beim stillen wachhalten und danach noch abpumpen, weitere zwei Wochen lang alle 3 Stunden. Das ist kein bisschen erfüllend. Das ist Knochenarbeit. Es wurde schnell besser, wir hatten enormes Glück, der Minimensch legte an Gewicht und Kraft zu und sehr schnell fanden wir einen komfortablen 3-4 Stundenrhythmus mit längeren Pausen nachts. Aber wäre es noch eine Zeit lang so weiter gegangen, ich hätte sicher nicht weiter voll gestillt. Und ich kann jede Frau verstehen, die vielleicht auch schon nach wenigen Tagen keine Kraft mehr dafür hat. Keine Frau sollte dafür verurteilt werden oder sich schuldig fühlen müssen.

Ich habe, im Gegensatz zu anderen, das stillen bei weitem nicht immer als schön empfunden. Praktisch, ja, das schon. Man hat das Essen immer dabei, es hat die richtige Temperatur und Zusammensetzung. Gut für das Kind auf emotionaler und körperlicher Ebene, von mir aus. Auch pragmatisch angesichts der Milchunverträglichkeit des Minimensch und der entsprechend komplizierten Alternative hochhydrolysierter Apothekennahrung. Und es ist auch nicht so, dass ich nach den ersten stressigen Wochen das Stillen weiterhin immer als anstrengend empfunden hätte. Ich sehe nur auch keine besondere Erfüllung darin. Natürlich gibt es kuschelig-schöne Stillmomente, gerade am Abend oder am Morgen ist stillen gemütlich und ein sehr zweisamer Mutter-Kind-Moment. Im zweiten und dritten Monat konnten der Minimensch und ich das genießen. Aber relativ schnell, mit wachsender Wahrnehmung werden diese gemütlichen Stillmomente weniger. Der Minimensch war meist sehr viel mehr an der Umwelt als an der Nahrungsaufnahme interessiert (insbesondere in der Öffentlichkeit – ein Graus, da war an trinken quasi nicht zu denken!) und so fand ich das Stillen dann eben je nach Tagesform mal echt schön, meist einfach normal so wie alles andere was man halt so macht (anziehen, waschen, windeln, … ) aber eben auch mal genauso anstrengend, wie es jetzt anstrengend ist, wenn das Kind einen rumpelstilzchenesquen Tag hat und mit Besteck und Essen spielt, es durch die Gegend wirft, sich vom eigentlichen Essen ablenkt.

Ich habe gern fünfeinhalb Monate voll gestillt, das gehörte für mich dazu und war vollkommen in Ordnung so. Aber ich habe auch überhaupt kein Bedauern empfunden, als der Minimensch Brei zu essen begann. Ich habe nicht auf Teufel komm raus abgestillt, wir haben das schon so gemacht, wie es der Minimensch wollte. Ich hatte nach 10,5 Monaten den Eindruck, dass es für mich dran wäre, das dann noch verbliebene Einschlafstillen aufzugeben, um wieder abends unabhängig zu sein, es schien mir auch ok, da der Minimensch zunehmend auch gar nicht mehr dabei einschlief, sondern eh noch kuscheln wollte und tatsächlich ging es auch nach ein bis zwei missglückten Versuchen sehr schnell, dass der Minimensch mit gekuschelt werden genauso zufrieden war. Das Nachtstillen, das dann noch blieb, war am Ende oft ohnehin nur noch ein Kampf der sich gut und gern eine Dreiviertelstunde hinzog, so dass allen Parteien geholfen war, als wir auf ein Wasserfläschchen in der Nacht umstiegen, da war der Minimensch sehr viel schneller wieder eingeschlafen und ich auch. Ich war sehr froh von dem Gefühl befreit zu sein, dass der Minimensch von mir physisch abhängig ist. Es ist für mich enorm beruhigend, ihn prinzipiell versorgt zu wissen, auch wenn ich mich verspäte oder wenn mir etwas passieren sollte.

Ich tue mich eigentlich schwer damit, einen so persönlichen Einblick zu geben. Aber es ist mir wichtig, meine vollkommen unverklärte, pragmatische Sicht auf das Stillen zu schildern, denn ich bin sicher, ich bin damit eigentlich Teil der breiten Mehrheit der stillenden Mütter. Ich würde jede werdende Mutter ermutigen zu stillen, aus medizinischer Sicht ist es tatsächlich sehr gut für das Kind. Aber ich würde auch dazu raten, ohne Druck und feste Vorstellungen daran zu gehen. Ich finde es enorm schwierig, wenn eine Idealvorstellung propagiert wird à la „eine echte Mutter stillt mit großer Freude“ – ich finde, welches Ritual auch immer man sich als intimen Mutter-Kind-Moment aussucht, wichtig ist doch letztlich, sich Zeit zu nehmen, sich ganz dem Kind zu widmen, sich und dem Baby Ruhepausen zu gönnen. Und ich finde es normal und richtig, dass man es auch genießt, wenn diese enge Abhängigkeitsbeziehung sich immer mehr löst. Wann das für Mutter und Kind dran ist, kann ein Außenstehender sicher nicht beurteilen, ich finde aber zumindest bedenklich, sich am Stillen festzuhalten um ein Alleinstellungsmerkmal zu haben.

Und daher nehme ich die Weltstillwoche zum Anlass um deutlich zu sagen: Es gibt auch beim stillen nicht nur schwarz und weiß, nicht richtig und falsch, nicht nur Überglucke und Rabenmutter. Toleriert doch bitteschön alle Grauschattierungen und lasst jede dazu stehen, fühlen und handeln, wie sie eben kann und möchte.

Mutterschaft – Ein Jahr

Schon seit einiger Zeit ist der Minimensch ein Jahr alt. Zahlreiche real life- Verpflichtungen haben mich daran gehindert, das adäquat würdigen zu können.

Dieses eine Jahr hat mein und unser Leben unglaublich durcheinander gewirbelt. Ähnlich dramatische Änderungen bringen wohl nur der Auszug von zuhause und Auslandsaufenthalte mit sich. Ich bin anders, der Mann ist anders, das Leben ist anders, alles anders und gleichzeitig, und das ist schwer zu begreifen, wenn man selbst (noch) keine Kinder hat, enorm vertraut.

Ich neige nicht dazu, Mutterschaft/Elternschaft zu mystifizieren. Das gilt für schwanger sein, stillen und leben mit Baby gleichermaßen. Es ist nun wirklich nicht immer eitel Sonnenschein und da kann auch das strahlendste Kinderlächeln nix dran rütteln. Ich kann der Überhöhung von Mutterschaft, die aus vielen Mütterblogs spricht, der geradezu Verehrung des Bauches, der Glorifizierung des Stillens, der übermäßigen Aufopferungsmentalität, die man im „Mami-Netz“ finden kann überhaupt nichts abgewinnen. Da finde ich mich nicht wieder. Dennoch, ich bin gern Mutter und würde um nichts in der Welt tauschen wollen.

Man hat ja im Vorfeld Erwartungen, positive und negative. Man stellt sich schon vor, dass man so einen Minimensch ziemlich ins Herz schließt. Dass es cool ist, Entwicklung zu beobachten. Dass Kinder manchmal echt witzig sind. Und natürlich auch, dass man wenig Schlaf bekommt. Dass es ganz ganz schlimm ist, das Kind krank zu sehen, dass das Leben irgendwie unflexibler wird. So Sachen. Dennoch für mich war dieses Jahr auch voller Überraschungen.

Es ist Wahnsinn, wie rasant schnell so ein Baby wächst und sich verändert. Wie schnell es Dinge lernt. Und gleichzeitig aber auch, wie vollkommen hilflos und auf einen angewiesen es ist. Ich war vollkommen platt von dem Gefühl, wie sehr ich mit diesem kleinen Wesen verwoben bin, wie sehr ich es als Teil von mir sehe und sehen muss. Und auch erleichtert in gewisser Form, als sich das langsam etwas löste. Als zumindest die Ernährung des Kindes nicht mehr von mir abhing, als auch andere auf es aufpassen konnten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so eingeschränkt fühlen würde. Aber man macht sich das Ausmaß der Einschränkung ja nicht bewusst, dass man als HauptbetreuerIn immer zu zweit ist, im Bad, auf dem Klo, beim einkaufen, bei der Hausarbeit, immer.

Was ich in diesem kleinen Alter überhaupt noch nicht erwartet hätte, ist, wie deutlich der Minimensch seine Gefühle ausdrücken kann. Diese unbändige Freude, wenn man nach Hause oder auch nur aus dem Keller kommt. Die freudige Umarmung morgens im Bett. Das flasht mich jeden Tag aufs Neue und – ein bisschen stimmt es ja schon – kompensiert auch so manchen Wutanfall. Überhaupt Wut. Was für ein kleines Rumpelstilzchen das Kind sein kann. Unglaublich.

Vollkommen unerwartet hat uns auch dieses Gefühl getroffen, eine Familie zu sein. Ein bisschen als sei es schon immer so gewesen. So als hätte dieser kleine Mensch schon immer am Tisch zwischen uns gesessen und fröhlich Kartoffeln auf seine Gabel gepiekst oder Käsebrot in den Mund geschoben.

Und dann ist so ein Minimensch ja tatsächlich schon recht bald eine Person. Mit Eigenheiten, Vorlieben und Gewohnheiten. Das ist echt erstaunlich. Wie distinkt Kinder sind, wie wenig sie einander eigentlich gleichen. Man kennt die Stimme, die speziellen Gesichtsausdrücke, die Anzeichen für Müdigkeit und Zahnschmerzen. Und eben den Charakter und sei er noch so unfertig.

Die Liste der Überraschungen ließe sich natürlich noch lang fortsetzen. Aber natürlich gibt es auch die Gegenseite, das woran man sich eher mühsam gewöhnt. Gar nicht so sehr Schlafmangel und Schreien, da rechnet man ja mit und weiß auch, dass es vorbei geht. In erster Linie fehlen mir tatsächlich eher kleine Dinge, die Teil von persönlicher Freiheit sind. Im Auto laut Musik hören. Spontane Verabredungen. Essen, wann man Lust hat, nicht wann Essenszeit ist (& fast food). Wenn ich gerade gut drin bin, auch weiterarbeiten zu können. In Ruhe duschen. Ganz allein sein. Sowas. Zeit-Autonomie könnte man das ganze wohl zusammenfassend nennen.

Was keine echte Überraschung für mich war: ich tauge nicht zur Hausfrau. Die ersten Monate hat das noch nicht so gestört, da waren die Tage noch recht flexibel, der Minimensch schlief noch viel, da hab ich erstmal viel genäht und mich in den Alltag mit Kind eingefunden. Aber ich war auch immens froh, als ich nach 9 Monaten wieder einen Nachmittag arbeiten ging, als ich nach 11 Monaten wieder in meinen Job zurück konnte. Es ist unglaublich anstrengend zu arbeiten mit Kind. Aber ich liebe meinen Job und brauche ihn. Ich brauche Kontakt mit anderen Erwachsenen als meinem Mann. Ich bin ein zutiefst sozialer Mensch, ich bin mir selbst einfach nicht genug. Ich würde umgekehrt nicht Vollzeit arbeiten wollen zur Zeit. Ich hätte das Gefühl zu viel zu verpassen und ich fände es auch organisatorisch schwierig. Minimensch und Arbeit brauchen und bekommen beide ihren Raum, das ist so schon OK.

Auf die Frage, wie das Elternsein so ist, antworten wir gern: „Toll aber müde“ und letztlich ist es genau das.