Bloggen gegen die Bequemlichkeit: Wachstuch

Heute gibt es einen Praxis-Tipp zur Plastikvermeidung. Schon lang wurmt mich, dass wir so viele Lebensmittel in Plastik wickeln zum aufbewahren. Käse wird alle 2 Tage neu in Frischhaltefolie verpackt, Brötchen kommen in ZIP-Beutel um sie für den nächsten Tag frisch zu halten, offene Gefäße werden mit Alufolie abgedeckt, was in der Lunchbox nicht rummatschen soll kommt auch in Frischhaltefolie. Zwar ist der Erdöl-Verbrauchsanteil von Plastik sehr gering (das merkt man ganz gut am leichten Gewicht), aber das Recycling von Plastik ist energieintensiv, erfolgt immernoch nicht zu 100% und wenn dann unsere Gelben Säcke entweder verbrannt oder in andere Länder exportiert und dort verklappt werden, da muss man ja nicht mehr zu beitragen als nötig. Plastik ist zwar eben relativ leichter Müll, aber gar kein Müll ist ja immernoch besser.

Also hab ich vor einiger Zeit mal testweise ein 3er Pack Wachstuch zur Aufbewahrung bestellt (das gibt es inzwischen bei vielen Öko-Versendern und auch beim großen Läden mit A). Diese Tücher sind mit Bienenwachs imprägniert und sollen zur Aufbewahrung von allem außer Fleisch gut geeignet sein. Sie kosten allerdings auch ein halbes Einfamilienhaus.

Nach einer Testphase war für uns klar: das klappt gut für uns. Der Käse bleibt sehr viel länger schimmelfrei als in Folie, umpacken unnötig und das Tuch lässt sich super reinigen. Also hab ich jetzt einige solche Tücher selbst gemacht. Das war erstaunlich unkompliziert, der Minimensch könnte super mithelfen und günstig war es auch. 100g Bienenwachs-Pastillen in reinster Qualität gibt es ab 3-4€ (eBay) und daraus konnte ich 5 mittelgroße Tücher (Käseeinschlaggröße) und einen Brötchenbeutel machen. Ich habe mich dabei an diese Anleitung gehalten, aber bräuchte nur je eine Lage Backpapier.

Wir haben jetzt 6 Tücher in passender Größe für Käse oder Butterbrot (30×40), 2 größere zum Abdecken von Schüsseln (40×50), 1 sehr großes (50×60) um unser Brot einzuschlagen. Aus einem weiteren großen in 30×60 habe ich einen Beutel für Brötchen genäht.

Nachhaltig, öko, fair – Was will ich und wie krieg ich es?

Angestoßen durch eine Diskussion bei Twitter zum Film „true costs“, den ich selbst nicht gesehen habe, möchte ich mein gesammeltes Wissen über Deklaration von „guten“ Textilien verbloggen, in der Hoffnung, dass ich damit vielleicht der einen oder anderen helfe, sich in der Frage „Wie konsumiere ich die Textilien, die ich guten Gewissens kaufen kann?“ zu orientieren. Ich habe mir diese Informationen teilweise im Rahmen eines Praktikums angelesen, in dem ich unter anderem mit fairtrade-Zertifizierung befasst war (allerdings für Lebensmittel) und dann einiges noch später, als ich mich mit schadstofffreien Babytextilien auseinandersetzte.

Ich denke, viele meiner Leserinnen* sind grundsätzlich konsumkritisch und nachhaltig eingestellt. Da liegt es nahe, sich Gedanken zu machen, woher unsere Textilien kommen, wer sie herstellt und unter welchen Bedingungen. Dabei haben die meisten vermutlich klar, was sie nicht wollen: Dass eine Firma ihr Geld bekommt, die asiatische Näherinnen in 12-18 Stundenschichten ohne Toiletten- und Esspausen in einsturzgefährdeten Gebäuden gefährliche Materialien verarbeiten lässt. Nun ist dieses Ziel leider gar nicht so einfach zu erreichen. Denn einerseits wird der weit überwiegende Teil der in Deutschland vertriebenen Kleidung in Asien hergestellt. Auch der teure Teil. Markenprodukte unterscheiden sich hier von Billigketten-Ware vor allem im Marketing-Budget und in den Kosten für aufwändige Filialausstattung, geringere Stückzahl, schnellere Kollektionswechsel und sowas. Sehr sicher kann gesagt werden, dass der Preis von Kleidung nur entsetzlich wenig über die Herstellungskosten sagt. (das gilt auch für Lebensmittel und viele andere Produkte, aber bei Kleidung ist es wohl mit am krassesten) Andererseits haben einige große Ketten, allen voran der Textilschwede, durchaus erkannt, dass Nachhaltigkeit ein Verkaufsargument ist und einstürzende und abbrennende Fabriken nicht ganz so gern gesehen werden und haben „nachhaltige“ Teile in ihre Kollektion aufgenommen. Ich persönlich empfinde das als ganz großen Kunden-Beschiss. Ich werde richtig aggressiv davon. Denn: wenn wenige Prozent der Kollektion nachhaltig sind, wie glaubwürdig ist dann, dass die Nachhaltigkeit ein Unternehmensanliegen ist? Für mich nicht sehr glaubwürdig. Wichtiger jedoch: die selbst-zertifizierte Nachhaltigkeit ist ein Feigenblatt. Sie umgeht etablierte Standards durch eigene, variabel gesetzte und interpretierte Ziele. Ich finde aber sehr wichtig, dass wir uns an einige grundsätzliche Dinge halten. Menschenrechte, Arbeiterrechte, Frauenrechte, Kinderrechte, Mitbestimmungsrechte und sowas. Die sind nicht zum Scherz da und auch keine Luxusgüter. Das sind Grundrechte und die gelten für alle universell und überall. Und es gibt Standards, die sind nicht hoch aber sichern zumindest das zu und wenn ein Unternehmen sich nichtmal an diese hält, wieviel ist dann eine Selbstverpflichtung oder Absichtserklärung wert? Doch ich möchte hier gar nicht soviel meine Meinung darstellen, sondern erstmal erklären, welche Standards es gibt, wie man diese überprüfen kann. Dann kann jede selbst entscheiden, worauf sie achten möchte.

Zunächst einmal ganz grundsätzlich: Nachhaltig ist ein vollkommen beliebiger, nicht geschützter Begriff. Nachhaltig hat, so sagt es jedenfalls unser Nachhaltigkeitsrat, ökonomische, ökologische und soziale Aspekte. Nachhaltigkeit ist eine sehr hohle Vokabel, die sich jeder zurechtlegt, wie sie passt. Im Bezug auf Textilien umfasst Nachhaltigkeit im besten Fall: Nicht böse zur Umwelt, zur Gesundheit von Menschen und ressourcenschonend. Und schon kann man anfangen Auslegungen zu würfeln. Reden wir nur von der Gesundheit der Leute, die die Kleidung tragen, oder auch derer, die sie produzieren? Reden wir nur von Gesundheitsschädigung durch Tun oder auch durch Unterlassen, usw. H&M legt hier z.B. die Nachhaltigkeit nicht jeweils umfassend aus, sondern alles ist nachhaltig was entweder schadstofffrei, oder recycelt ist. Also ein Produkt aus z.T. recycelter Baumwolle ist „conscious“, selbst wenn es mit übel wasserverschmutzender Farbe gefärbt wurde. Ein ungebleichtes Produkt ist „conscious“ auch wenn es zu einem Hungerlohn hergestellt wurde usw. Es gibt auch tatsächlich kein Label oder Zertifikat, dass Nachhaltigkeit im ganzen zertifiziert. Ganz grob kann man aber im Textilbereich auf vier Labels achten: fairtrade, GOTS, fair wear, ökotex.

  1. Fairtrade/Transfair:

fairtrade ist ein Standard, der sich vor allem auf die Sicherung fairer Produktionsbedingungen im Produktionsland konzentriert. Das fairtrade-Siegel wird von nationalen Organisationen vergeben und richtet sich nach dem gemeinsam im Rahmen einer Dachorganisation, der fairtrade foundation, beschlossenen fairtrade-Standard. Fairtrade ist ein sehr strenges Zertifikat und die Kontrolle ist recht dicht. Der Fairtrade-Standard umfasst ökologische, ökonomische und soziale Kriterien, unter anderem gibt es eine Reihe von verbotenen Substanzen, ein Gentechnikverbot, ein Verbot von Kinderarbeit (das heißt Verbot der Beschäftigung von unter 14-jährigen), einen gesicherten Mindestpreis, die Zusicherung langfristiger Lieferverträge, die Einhaltung von Antidiskriminierungs- und Mitbestimmungsrechten. Damit deckt das fairtrade-Siegel am ehesten alle Aspekte von Nachhaltigkeit ab, es ist aber eben auch ein sehr sehr strenges Siegel, das weit über andere, seichtere Kriterien hinausgeht. Für Firmen wie H&M ist ein fairtrade-Siegel schon allein deshalb völlig unerreichbar, weil fairtrade Unter-Auftragswesen und Zwischenhandel normalerweise nicht toleriert. Es ist ja schon länger bekannt, dass die Firmen sich oft herausreden mit dem Argument „ich weiß nicht, was mein lokaler Subunternehmer da macht“ – das ginge bei fairtrade nicht, es müssen Direktverträge mit Produzenten geschlossen werden. fairtrade beinhaltet auch, dass der Mehrwert im Herstellungsland verbleibt, d.h. das nicht nur Rohstoffe, sondern auch die Weiterverarbeitung im Ursprungsland angesiedelt sind. Das ist aus entwicklungsökonomischer Sicht sehr sinnvoll, schränkt aber die Anwendbarkeit des Siegels ein. fairtrade fordert zwar ökologischen Anbau, es ist aber nicht gleichbedeutend mit bio im Sinne der EG-Ökoverordnung, dennoch sind die allermeisten fairtrade-Produkte auch EG-Öko-zertifiziert. Der Umkehrschluss gilt keineswegs. Wer mal das Kaffeeregal im Biomarkt abschreitet, wird erschreckend wenig fairtrade-Produkte finden, viele Bio-Marken weisen ihre Produkte zwar als „fair“ oder „von Kleinbauern direkt vermarktet“ oder sowas aus – aber leisten sich eben kein fairtrade-Siegel oder können die strengen Standards nicht erfüllen. Die fairtrade-foundation arbeitet mit „Öko-Aufschlag“ und „Fair-Aufschlag“, d.h. Produkte werden z.T. teurer verkauft als notwendig, um Projekte zu subventionieren, die gerade im Aufbau sind. Das fairtrade-Siegel beinhaltet also neben der Zertifizierung auch aktive Entwicklungshilfe, zumindest in manchen Fällen. Deshalb waren fairtrade-Produkte lange Zeit sehr krasse Nischen-Produkte und galten z.T. auch als qualitativ minderwertig. Das ist aber größtenteils Geschichte, heute zeigen zahlreiche Initiativen, dass fairtrade-Produkte zu konkurrenzfähigen Preisen in ordentlicher Qualität angeboten werden können, Beispiele sind „die gute Schokolade“ oder das enorme Wachstum von fair gehandelten Rosen (beides Bereiche in denen die Arbeitsbedigungen sehr schlecht und die Schadstoffbelastung extrem hoch sind). Die Begriffe „transfair“, „fairtrade“ und „FLO-zertifiziert“ sind übrigens bedeutungsgleich. Das Siegel sieht so aus.

2. GOTS – Global Organic Textile Standard

Das GOTS-Siegel bzw. der GOTS-Standard ist das strengste allgemein anerkannte Textilien-Siegel für Bio-Textilien. Die Kriterien für GOTS legen den Fokus auf ökologische Produktion, es gibt aber auch eine soziale Komponente, die Arbeitsstandards umfasst. Genau wie transfair werden auch bei GOTS alle Teile der Lieferkette zertifiziert und kontrolliert. Die Kontrolle erfolgt, so mein Kenntnisstand, recht streng und engmaschig. Es gibt beim GOTS-Siegel zwei Abstufungen: „bio/ aus kbA-Fasern“ gleichbedeutend mit 100% ökologisch hergestellten Fasern und „aus x% kbA-Fasern“ bei mindestens 70% ökologisch hergestellten Fasern. Eine Zertifizierung ist auch für Unternehmen möglich, die gerade auf Bio-Anbau umstellen, dadurch dass der Prozentsatz angegeben werden kann. Auf der Ökoseite ist der GOTS wirklich das Maximum was geht. Was die Arbeitsbedigungen anbelangt, ist GOTS allerdings nicht unbedingt das nonplusultra. Die geforderten Arbeitsstandards sind den ILO-Standards entlehnt. Das ist natürlich schonmal gut, denn auch wenn sehr viele Länder auf dem Papier die ILO-Regeln in ihre Gesetze übernommen haben, gelten diese im Alltag dann eben oft nicht. Allerdings sind die ILO-Standards eher ein kleinster gemeinsamer Nenner und werden z.T. als zu lasch kritisiert. Die ILO betreibt da eher Realpolitik, das heißt z.B. bei Kinderarbeit setzt sie einen eher niedrigen Standard, der aber realistisch unter Berücksichtigung der Bedingungen vor Ort erreicht werden kann. Und natürlich ist biologische Produktion per se für Arbeiter insb. auf Baumwollplantagen und in Färbereien ein riesiger Gewinn an Arbeitssicherheit, da im Baumwollanbau und in der Textilfarbe ganz besonders fiese Chemikalien eingesetzt werden und die nötige Schutzausstattung meist nicht gestellt und über die Risiken und Schutzmaßnahmen auch nicht aufgeklärt wird. Das GOTS-Siegel ist somit ein recht hoher Standard, mit der Einschränkung, dass die sozialen Kriterien nur das Mindestmaß der ILO-Kompatibilität abdecken. (edit) Der Begriff kbA (kontrolliert biologischer Anbau) kann von GOTS-zertifizierten Herstellern inhaltlich austauschbar mit dem Siegel verwendet werden. D.h. es kann – gerade bei Mischgeweben – vorkommen, dass ein fertiges Kleidungsstück kein GOTS-Siegel trägt, weil natürlich die Polyesterfasern nicht ökologisch sein, dass aber draufsteht „aus x% kbA-Baumwolle“, dann sind nur die vorgelagerten Produktionsstufen GOTS-zertifiziert. (edit Ende)

3. Fair Wear

Wer insbesondere wissen will, ob Kleidung unter vernünftigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde, kann sich außerdem am Fair Wear-Zeichen orientieren. Dieses Siegel zertifiziert ausschließlich in Bezug auf die Erfüllung von sozialen Kriterien, geht hier aber über den ILO-Standard hinaus (ein Beispiel: Es wird die Zahlung eines existenzsichernden Lohns gefordert, statt der ILO-Forderung nach Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns. Das ist leider in vielen Ländern nicht das gleiche). Das Fair-Wear-Zeichen birgt für mich allerdings zwei Probleme: Einerseits habe ich es schlicht bisher nur sehr selten gesehen, es scheint keine weite Verbreitung zu haben. Andererseits können Unternehmen sich bereits mit einer Absichtserklärung zertifizieren lassen, auch wenn sie die Kriterien noch nicht erfüllen. (hier wurde insb. die Aufnahme von Takko in die Brands-Liste kritisiert) Das ist zwar als Brückenbau gemeint und vielleicht funktioniert es sogar, um Unternehmen auf einen guten Weg zu bringen, allerdings macht es die Unterscheidbarkeit schwierig und das Siegel zu unzuverlässig, finde ich. (edit) Das Fair Wear-Zeichen ist aber eben gerade bei Produkten aus Kunstfasern nützlich, und ein Blick auf die Herstellerliste bei der fair wear- foundation zeigt auch, dass sich dort z.B. viele Hersteller von Funktionskleidung finden, die ja per Definition nicht GOTS-zertifiziert sein könnten. (edit Ende)

4. Öko-Tex Standard 100

Das Oeko-Tex Textiles Vertrauen-Siegel ist für mich so etwas wie das Mindest-Siegel. Es zertifiziert, dass die Textilien schadstofffrei sind. Das Oeko-Tex Siegel ist also vor allem eine Qualitätsprüfung und weniger ein Nachhaltigkeits-Siegel, aber natürlich ist ein Textilprodukt, das schadstofffrei ist besser, als eines mit Schadstoffen, auch für diejenigen, die es herstellen. Ich nehme es hier aber nur auf, um bewusst zu sagen: Trotz des „öko“ im Namen, hat das Siegel nichts mit biologischer Herstellung zu tun. Das oekotex und das GOTS-Siegel sind übrigens auch für Stoffhersteller anwendbar und können also auch als Wegweiser auf der Suche nach „guten“ Stoffen dienen.

Wer mehr über die diversen Siegel nachlesen möchte kann das, neben den Seiten der Organisationen, auch auf der Siegel-Übersichtsseite von utopia tun. Für meinen Geschmack etwas reißerisch, aber doch informativ sind die Seiten der Kampagne für saubere Kleidung. Ganz gute Übersichten zu Herstellern, die z.B. faire Jeans produzieren finden sich auch utopia. Jeans sind übrigens, neben Lederprodukten, auch das Produkt an dem sich zeigt, dass der Preis doch irgendwie was sagt. Denn zwar heißt teuer nicht fair, aber eine faire Jeans wird man nicht in richtig billig kriegen. Jeans sind in der Herstellung richtig fies. Sie werden mit fiesen Farbstoffen gefärbt, sie werden dann womöglich gesandstrahlt oder gebleicht. Und sie bestehen aus vielen Teilen und komplexen Nähten, machen also viel Arbeit in der Herstellung. Wenn ein Hersteller das alles nicht macht, muss er einen relativ hohen Preis verlangen. Bei einfachen Shirts oder Flatterröcken gibt es dagegen durchaus GOTS-Produkte, die preislich unter den gängigen Markenherstellern liegen und trotzdem nett geschnitten und aufgemacht sind.

Edit: Und noch ein Hinweis am Rande: Es gibt natürlich auch – wenige – Firmen, die immernoch oder wieder in Europa fertigen. Der Mango/Zara-Konzern und pimkie/orsay fertigen fast ausschließlich in Europa. Das heißt aber natürlich nicht, dass die Stoffe nicht trotzdem unter schlimmen Bedingungen hergestellt werden, es verbleibt dann eben nur ein größerer Teil des geschaffenen Mehrwerts im Verkaufsland – wobei sowieso über 50% des Ertrags aus Bekleidung auf den Einzelhandel und das Filialnetz oder den Online-Vertrieb entfallen. Auch bei in Europa hergestellten Produkten lohnt es sich auf Siegel zu achten – denn die Produktionsbedingungen, bspw. in Rumänien sind auch alles andere als rosig. Grundsätzlich ist die Textilindustrie aber für Länder wie Bangladesh und die Türkei sehr wichtig und es spricht nichts dagegen, Textilien von dort zu kaufen – wenn sie unter vernünftigen Bedingungen produziert wurden. Wenn also die Konsumentinnen deutlich nach nachhaltigen Produkten verlangen, könnten die Herstellungsländer durchaus davon profitieren – wenn denn die nachhaltigen Produkte auch tatsächlich nachhaltig sind. Und zwar nicht nur im Bezug auf Ressourcen und unsere Gesundheit, sondern auch im Hinblick auf die Gesundheit und ein lebenswertes Leben in den Produzentenländern.

*generisches Femininum, Männer mitgemeint, ihr kennt das ja schon, oder?

Ist selbermachen Stress?

Ab und zu ist es ja gut, sein eigenes Verhalten zu reflektieren. Und wenn ich so höre und lese, was ich gerade über das selbermachen so sage und schreibe, komme ich nicht umhin mich zu fragen: Setzt mein Drang so viel wie möglich selbst zu machen, mich unter Stress? Nehme ich mir den Spaß an meinen Hobbies, indem ich Dinge produziere, weil ich sie brauche?

Zum Beispiel wird es langsam doch recht dringend mit dem Wintermantel. Der Robson ist zu kalt, ich sage täglich mehrfach, dass ich den Mantel wirklich dringend fertignähen muss. Leider habe ich da überhaupt keine Lust drauf, weil ich jedes Mal ewig brauche, um mich zwischen den zwanzigtausend riesigen Teilen zu orientieren und es extrem unspaßig ist, die Riesen-Watte-plus-Flutsch-Dinger durch die Maschine zu jagen. Der Mantel blockiert außerdem all die spaßigen anderen Projekte, die ich für danach geplant habe. Wäre es da nicht viel besser, einfach einen Mantel zu kaufen?

Nächstes Beispiel: Weihnachtsgeschenke. Ich habe noch so gut wie keine Geschenke, und ich plane eigentlich zumindest die „Kleinigkeiten“ wie jedes Jahr selbst zu machen. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wann und wie. Ist das nicht dusselig?

Ich backe zum Beispiel auch selbst Brot. Und sehr oft verpeile ich das, werkele dann abends hektisch in der Küche herum und muss schließlich irgendwann nochmal aufstehen, um Brot aus dem Ofen zu nehmen. Bin ich denn irre?

Das ganze ließe sich unendlich fortsetzen. Adventskranz, Gemüse aus dem Garten, Marmelade, Babygläschen, … Warum tu ich mir das an? Tue ich mir denn überhaupt etwas an?

Wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, und das ist gut so. Ich mache, worin ich gut bin und womit ich der Gesellschaft dadurch auch besonders nützlich bin, ich bringe Studenten Dinge bei und erforsche Kram. Folgerichtig sollte ich es anderen überlassen, meine Kleidung, mein Brot und meine Wohnungsdeko herzustellen, oder?

Ich stelle fest, dass mir dieser Schluss inzwischen befremdlich vorkommt. Wenn ich etwas brauche, sei es Kleidung, Essen, Geschenke oder eine Spülmaschinenreparatur, frage ich mich eigentlich erst „kann ich das selbst machen?“ Bei vielen Dingen komme ich dann zum Schluss, dass ich sie nicht selbst machen kann oder möchte. Ich habe keine Intention Kühe oder Hühner zu halten, Getreide anzubauen oder Sojabohnen. Ich kann auch keine Schuhe reparieren, keine Handys bauen und keine Antibiotika herstellen. Eine ganze Reihe von Dingen könnte ich zwar vermutlich selbst machen, ich möchte das aber nicht, unter anderem weil Arbeitseinsatz und Ergebnis für mich im Missverhältnis stehen. Ich mache keine Seife, benutze keine Stoffwindeln und kaufe Modeschmuck anstatt selbst welchen zu basteln. Ich nähe auch lang nicht alles, was ich nähen könnte. Z.B. nähe ich eigentlich nie Taschen, schon gar keine fieseligen kleinen. Auch Bodys für den Minimensch nicht. Die kaufe ich gebraucht. Das ist auch nachhaltig und kostet mich erheblich weniger Nerven. Ich nähe auch so gut wie nie Heimtextilien. Vorhänge gibt es einfach keine und Kissen müssen halt jetzt einmal für immer reichen. Fertig. Ich habe also eigentlich im engeren Sinne keinen Anspruch autark zu sein. Ganz offenbar habe ich nicht prinzipiell vor ALLES selbst zu machen. Trotzdem würde ich vermutlich nicht auf die Idee kommen, wenn ich einen neuen Rock brauche, einen zu kaufen. Oder z.B. einen Adventskranz. Was steckt da dahinter? Warum stresse ich mich mit manchem, und mit anderem nicht. Warum mache ich bestimmte Dinge selbst und andere nicht, von Ausstattung und Vermögen mal abgesehen. Das sollte man sich schon mal fragen.

Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass ich im Wesentlichen drei Gründe habe, Dinge selbst zu machen: 1.) Sie werden sehr viel besser, als gekaufte oder 2.) Sie sind dadurch sehr viel günstiger oder 3.) Sie sind sehr viel nachhaltiger. Bei Kleidung für mich und ein Stück weit auch bei der für den Minimensch ist es einerseits der erheblich bessere Sitz und andererseits der Wunsch, keine furchtbar ausbeuterischen Produktionsbedingungen in den Herstellerländern von Kaufkleidung zu unterstützen. Beim Brot und auch beim Adventskranz spielt der Preis eine entscheidende Rolle. Ein gutes, handwerklich gebackenes Vollkornbrot, ein schöner, individueller Adventskranz aus einem Fachgeschäft haben einen Preis, den ich deutlich unterbieten kann. Natürlich immer vorausgesetzt, ich gehe davon aus, dass ich durch die Zeit, die ich hineinstecke zumindest keinen Verlust an Lebensqualität, im Idealfall aber einen Gewinn, im Sinne von Entspannung und Spaß habe. Dinge, die ich nur unter großer Aufopferung selbst machen kann, wie z.B. Taschen, werde ich lieber kaufen. Dinge, die selbst gemacht schlechter sind als gekauft werde ich auch lieber kaufen. Sofern ich das mit meinem Gewissen vereinbaren kann, sonst werde ich es vielleicht einfach lassen, sie haben zu wollen.

Wie ist das also nun mit der Arbeitsteilung? Verschwende ich meine Zeit an das selbermachen? Ich denke nein. Einerseits, weil ich die Zeit, die ich mit dem herstellen von Dingen verbringe in aller Regel durchaus als wertvoll empfinde (von sperrigem Mantelfutter mal abgesehen, aber da weiß ich, dass der Mantel wenn er fertig ist das wieder aufwiegt). Andererseits, weil ich eigentlich durchaus bereit bin, Dinge andere machen zu lassen. Z.B. würde ich eher eine Haushaltshilfe meine Wohnung putzen lassen, als auf das Nähen meiner Kleidung zu verzichten. Ich weiß nämlich, dass die Haushaltshilfe das besser und schneller machen würde als ich, und ich kann sicherstellen, dass sie faire Arbeitsbedingungen und einen fairen Lohn hat. Demgegenüber kann ich mir bessere Kleidung machen, als ich kaufen kann und nur mit großem Aufwand sicherstellen, dass sie unter fairen Bedingungen produziert wurde, wenn ich sie kaufe. Ich bin mir meiner begrenzten Zeitressourcen schon bewusst und habe da durchaus Prioritäten, die besagen: Ich mache nicht alles selbst um des selbermachens willen. Aber ich mache alles selbst, was ich gern selbst machen möchte und mit vertretbarem Aufwand kann. In diesem Sinne werde ich mir jetzt eine schöne Handtasche aussuchen und zu Weihnachten wünschen, damit ich dafür Zeit habe, mir einen Winterferien-Pullunder zu stricken.