Eltern und Zeit

„Was mir als Unterschied am Elternsein am meisten auffällt ist, dass kinderlose Menschen so unendlich viel Zeit zu haben scheinen.“

Dieser Satz fiel in einem Gespräch vor fast zwei Jahren, da war der Minimensch etwa 4 Monate alt und wir trafen einen guten langjährigen Freund und seinen damals einjährigen Sohn. Unser Freund berichtete vom Alltag mit Kind, dem Wiedereinstieg nach längerer Elternzeit und sagte dabei diesen Satz. Irgendwann letzte Woche fiel er mir wieder ein, und seitdem hat er in meinem Kopf ein paar Kreise gezogen.

Auslöser, mir Gedanken über Zeit zu machen war ein ärgerlicher Zwischenfall auf dem Heimweg von der Arbeit am Mittwoch. Ich war ohnehin deutlich länger im Büro als üblich, weil ich einen Vortrag halten musste. Nach über 10 Std im Büro hielt dann mein Zug auf dem Heimweg an einem Bahnhof unterwegs für über eine halbe Stunde an, weil ein Junkie während der Fahrt gestürzt war, verletzt war und sich weigerte sich behandeln oder auch nur anfassen zu lassen. Während derlei als Bahnpendlerin ja nicht allzu selten passiert und auch früher schon vorkam, so musste ich unweigerlich daran denken, dass nun der Minimensch daheim ins Bett gehen musste, ohne mir „Gute Nacht“ zu sagen und dass ich ziemlich froh sein konnte, dass er bei seinem Vater war und nicht bei der Babysitterin, wie an anderen Ganztags-Bürotagen, die womöglich hätte weg müssen.

Bevor ich ein Kind hatte, hätte ich mir vielleicht einfach eine Zeitschrift und was zu essen gekauft und ansonsten gedacht „naja, dann bin ich halt 45 Minuten später zuhause“. Nun erschienen mir diese 45 Minuten als wertvolle Zeit, die mir verloren ging, die ich mit lesen nur verplemperte, die ich so gern zu Hause beim Abendritual und danach mit meinem Mann auf dem Sofa verbracht hätte. Und da fiel mir der einleitende Satz oben wieder ein.

Tatsächlich ist das, was das Elternsein am meisten prägt gar nicht der Schlafmangel (der natürlich da ist), auch nicht das Windelwechseln (das man gar nicht so sehr merkt) oder anderes, was einem im ersten Moment als Eltern-Konstante einfallen würde. Sondern tatsächlich, für mich, der Umgang  mit Zeit. Im positiven wie im negativen Sinne. In ganz unterschiedlichen Facetten.

Das offensichtliche natürlich: es kommt eine quasi 24-Stunden-Beschäftigung dazu und es ist ja nicht so, als hätte man vorher rumgesessen und nix zu tun gehabt, weswegen alle Eltern, die ich kenne, ständig mit Job(s), Kinderzeit, Familienzeit, Verpflichtungen, Haushalt, Job, dem Aufrechterhalten ihres Soziallebens, Zeit zu zweit und – nicht unwichtig – Zeit für sich jonglieren. Nun ist es natürlich so, dass man das irgendwie vorher weiß. Aber es kommt eben nicht nur Zeit hinzu, die man mit dem Kind verbringt, sondern auch – und das plant man vorher doch weniger ein – viel mehr Wäsche, viel öfter staubsaugen, viel mehr aufräumen. Und vor allem und am ärgerlichsten: Viel mehr Termine. Arzttermine, Kindergruppentermine, Kita-Besichtigungen, Elternabende, Elterntreffen, usw. Und sehr viele dieser Termine liegen strategisch höchst unpraktisch mitten am Tag. So gegen 10.30 an einem Wochentag oder so. Und auch da wieder: Man denkt automatisch an die eine Stunde vorher und die eine Stunde nachher, die man doch irgendwie noch sinnvoll nutzen kann/muss/sollte. Könnte man da nicht noch den Einkauf, sollte man nicht auf dem Weg noch die Wäsche, kann man nicht vielleicht dies, das, jenes… ? Eine scheinbar verschenkte Stunde Zeit erscheint eben so verschwendet.

Dann ist die vorhandene Zeit mit Kind auch viel stärker fragmentiert. Tage teilen sich in Zeiten zwischen Mahlzeiten, Zeit vor und nach dem Mittagsschlaf. Wochen erhalten Rhythmus durch feste Termine. Das Jahr ist stärker durch die Jahreszeiten geprägt. Draußenwetter will genutzt sein, Regentage wollen überbrückt sein. Die Schlafenszeit, die Essenszeit alles ist relativ starr. Also zumindest mit Kleinkind. Da verstreichen Tage oft auch sehr schnell, wenn man sie in Miniportionen von Zeit erlebt. Und andererseits dauert manches unendlich. Es ist nur schwer vorstellbar wie langsam ein Kleinkind die Treppe runtergeht. Wieviel Zeit ein Kind fasziniert ein unscheinbares Pflänzchen am Wegrand bestaunen kann. Wie lang die Entscheidung für ein Bilderbuch dauert oder die Diskussion, dass tatsächlich nun die Schuhe angezogen werden müssten, bevor man auf den Spielplatz gehen kann. Die Zeitwahrnehmung ist irgendwie zwischen schnell und langsam im ständigen Wechsel.

Wir ertappen uns auch zunehmend oft bei der stereotypen „Ach ist es schon groß“-Äußerung. Man misst Zeit auf einmal in Kindesentwicklung. „Vor einem Jahr konnte es noch nicht mal laufen.“ „oh Gott, guck wie klein das Baby ist, das ist bei uns nun schon sooooo lang her.“ „Seit wann kann es denn Wort X sagen?“ Und ja, sie werden so schnell groß.

Und plant man, sich mit kinderlosen Freunden zu verabreden, dann bricht die vollkommen unterschiedliche Zeitwahrnehmung so richtig über einen herein. Da trifft dann der eingangs erwähnte Satz das ganze ziemlich im Kern. Denn Sozialkontakte koordinieren ist schwer. Die einen definieren „morgens“ doch recht anders als die anderen. Eine Stunde hin oder her macht kinderlosen wenig aus, kann für Eltern aber den Unterschied zwischen entspanntem Treffen mit Kind und Nervenkrieg mit vollkommen übermüdeter Krawallbürste bedeuten. Am Abend bei ein paar Wein die Zeit vergessen rächt sich auf dem Fuße mit tagelanger unendlicher Müdigkeit.

Und dennoch schreibe ich weiter oben „im positiven wie im negativen“. Denn tatsächlich nehme ich Zeit auch als wertvoller war. Ein Tag mit Kind ist lang und oft auch anstrengend, aber doch auch sehr reich und beschenkend. Ich denke oft, dass ich früher eben nicht nur sorglos mit meiner Zeit war, sondern eben auch wertvolle Momente mit meinem Partner, mit Freunden oder meinen Hobbies leichtfertig geopfert habe indem ich eben Wartezeiten auf Bahnhöfen, Rumhängzeit vorm Fernseher oder antriebslose Stunden auf dem Sofa verbracht habe. Es ist eigentlich auch gut, dass ein Kind die Zeit bewusster erleben lässt. Dass ich mich bemühe zum Abendessen zuhause zu sein. Dass ich Zeit mit meinem Mann allein als großes Geschenk empfinde. Dass ich Nähzeit herbeisehne und genieße. Und dass ich gleichzeitig auch in scheinbarer Tatenlosigkeit am Wegesrand, im Sandkasten oder beim kuscheln auf dem Sofa oft wertvolle, anrührende, einzigartige Momente erlebe.

Ein Kind zwingt zum Prioritätensetzen. Man kann nicht alles machen. Nicht gleichzeitig 60 Stunden arbeiten, Zeit mit seinem Kind verbringen, 5 Hobbies, 3 Sportarten, 100 Freunde und 6 Ehrenämter ausüben, eine erfüllte Beziehung leben und eine ordentliche und geputzte Wohnung haben. Ich bin froh, dass ich für mich meist den Eindruck habe, dass ich im großen und ganzen für mich gute Prioritäten setze. Ich arbeite zwar meist etwas mehr als mein Vertrag vorsieht, doch z.B. sehr viel seltener am Wochenende als früher. Ich verbringe recht viel Zeit mit meinem Kind gemessen daran, dass ich auch 60% und oft darüberhinaus arbeite. Ich nähe ziemlich regelmäßig, wenn auch natürlich nie genug. Natürlich gibt es Sachen, die gingen optimaler. Ich habe ein mir eigentlich wertvolles Ehrenamt aufgegeben. Ich treibe zu wenig Sport. Ich würde gern einige Freunde öfter sehen. Unsere Wohnung könnte ganz sicher ordentlicher sein. Aber die Richtung stimmt, ich bin schon mit mir im Reinen. Und manches rüttelt die Zeit zurecht. Nach Phasen schlafloser Nächte, Krankheiten und anderen Widrigkeiten, kommen auch wieder gute Wochen, mit tollem Besuch und Feiertagen und Familienzeit und Nähkränzchen. Ein Tag ohne Mittagsschlaf mit verschobenen ungesunden Mahlzeiten ist am Ende doch ganz problemlos. Ein mit großem Aufwand verbundener Wochenendtrip klappt einfach so und hinterlässt ein Gefühl von Kurzurlaub.

Dennoch bleibt natürlich die tief empfundene Zeit-Knappheit. Und damit einhergehend ein hohes Stresslevel. Und auch da dachte ich vor kurzem an einen Freund, der vor längerer Zeit zu mir sagte:

„Nie mehr erscheint einem Zeit so endlos vorhanden, wie zu Beginn der großen Ferien in der Schule.“

Und tatsächlich ist für mich der Sommer in Kindheits- und Jugenderinnerungen vollkommen zeit-los. Tage sind lang und angefüllt, es ist gefühlt unendlich lang warm, man hat ständig hitzefrei und die Sommerferien sind schier endlose sechs Wochen. Natürlich ist das stark retrospektiv rosa gefärbt aber dennoch – wie schön war dieses Gefühl von Unendlichkeit. Und ich freue mich darauf, das ein kleines Stück weit mit meinem Kind noch einmal erleben zu können. Wenn ich mich nämlich bemühe, to-do-Listen, Erwartungshaltungen, Verpflichtungen und oft selbst gemachten Stress einfach zu vergessen, dann kann ich mit dem Kind ein Stück unendlichen Sommer in einem einzigen warmen Nachmittag entdecken. In einem eigentlich kurzen Fahrradausflug, in einem beiläufigen Spaziergang um den Block, beim Wühlen in der Sandkiste, strickend auf dem Balkon mit dem wasserspielenden Kind neben mir. Indem ich sehe, wie verloren und vergessen mein Kind Sand durch ein Sieb rieseln lässt, immer und immer wieder. Wie es andächtig die Form von Steinen betrachtet und abwägt, welchen es in die Tasche stecken möchte. Wie es voll heiligem Ernst einen vollen Wasserbecher herumträgt – und dann einfach wieder in den Eimer leert. Als gäbe es keine Zeit… ist das nicht schön?

Die Vollzeitrhetorik

Im Handelsblatt/WirtschaftswocheOnline erschien diese Woche ein Artikel, der wiederum die sogenannte Vereinbarkeitslüge thematisierte und der mir keine Ruhe lässt. Der Artikel hängt sich grob am bald erscheinenden Buch „Geht alles gar nicht“ der Zeitautoren Marc Brost und Heinrich Wefing auf, deren Artikel mit gleichem Titel im letzten Jahr schon für Furore und hitzige Diskussionen sorgte.

Ich finde den Artikel an sich für jemand, der in dem Thema schon ein wenig drin ist nicht so erhellend. Viele wahre Diagnosen, wenig konkrete Schlussfolgerungen. Ich schreibe weiter unten noch etwas ausführlicher, was ich inhaltlich hier beizutragen hätte. Erstaunlicher fand ich eigentlich, dass ein solcher Artikel es überhaupt auf die Website von Handelsblatt und Wirtschaftswoche schafft. Beides sind nun wirklich nicht unbedingt linke Arbeiterblätter. Für Handelsblatt-Verhältnisse ist das ganze womöglich bahnbrechender und erhellender, als es mir (und 95% meiner Filterbubble) erscheinen mag. Das würde ich dann schon als positives Signal werten, dass die Erkenntnis, dass das Ziel nicht sein kann, dass Eltern praktisch ohne Abstrich weiter so funktionieren wie bisher, flexibel, immer erreichbar, mit 50+ Stunden-Woche und nie krank und Kinder „nebenher“ laufen, es in die Wirtschaftswoche oder das Handelsblatt schafft. Ein weiterer Aspekt, der mir auffiel war, dass die Kommentare darunter fast ausschließlich von Männern sind. Normalerweise gibt es auf der Handelsblattseite fast keine Kommentare. Dass gerade Männer sich mehrheitlich positiv angesprochen und verstanden fühlen und dies auf dieser Plattform äußern, zeugt für mich durchaus von einem gewissen Wandel weg von Vereinbarkeit als Frauenthema.

Nun aber dann doch noch ein paar Worte zum Inhalt. Ja, es ist in der Tat wenig überraschend, dass Eltern weniger flexibel sind als als Singles Anfang 20. Niemand mit Kind wird behaupten, dass sie/er exakt so weiter macht wie bisher und dazu einfach auch noch ein erfüllendes Leben mit Kind dazu führt, alles stress- und sorgenfrei. Und wer keine Kinder hat und denkt, so wäre Vereinbarkeit, der ist deutlich naiv. Es sollte eigentlich nicht der Feststellung bedürftig sein, dass Elternschaft ein Vollzeitjob ist und dass sich zu zweit drei Vollzeitjobs eben nicht so ohne weiteres wuppen lassen. Und dass eine gute und bezahlbare, flexible und kindgerechte Betreuung zwar wichtig aber auch nicht die alleinige Lösung für alles ist, das  wird zumindest allen Eltern auch klar sein. Es erschreckt mich ein wenig, dass es scheinbar Menschen in diesem Land gibt, die man mit dieser Feststellung hinter ihrem Ofen oder unter ihrem Stein überraschen kann. Das zeugt von einer sehr merkwürdigen Vorstellung davon, wie das Leben mit Kindern so ist. Ich finde, es kann und sollte bei Vereinbarkeit nicht darum gehen, ob man es hinkriegen kann, dass Kinder möglichst wenig auffallen im Berufsleben der Eltern, sondern darum, dass das Elternsein nicht als Manko verstanden wird. Solange Vereinbarkeit vor allem ein Problem der Eltern ist, im Sinne von Ausgleich eines Nachteils, des Nachteils Kinder zu haben, bei dem der Staat so ein bisschen hilft, durch Kindergeld, Betreuungsplätze, etc., solang steht es ziemlich schlecht um unsere Gesellschaft. Es ist, bin ich denn mit dieser Sicht ganz allein, kein Makel, ein Kind zu haben. Im Gegenteil. Natürlich sind Eltern oft müde, öfter krank, zeitlich und räumlich weniger flexibel und vor allem nicht nur am Job interessiert. Aber das heißt nicht, dass sie den Job schlecht, wenig motiviert oder unzureichend machen. Im Gegenteil. Eltern sind sehr viel verlässlicher, denn sie werden nicht mal eben schnell umziehen, sie sind ganz sicher auch besser organisiert und effizienter. Ich bin zum Beispiel sehr sicher, dass ich heute in 25 Stunden locker so viel schaffe, wie früher in mindestens 30-35, einfach weil ich weiß, dass ich nicht einfach länger machen, eben noch was einschieben, die Nacht über arbeiten kann. Und die Entscheidung ein Kind zu bekommen zeugt von Verantwortungsbewusstsein und Zukunftsorientierung, Eigenschaften die einem Unternehmen und einer Gesellschaft wertvoll erscheinen sollten.

Dennoch ist es ein erheblicher Nachteil Eltern zu sein. Man darf zukünftige Mieter ablehnen, weil sie ein Kind haben. Das ist nicht vom Anti-Diskriminierungsgesetz gedeckt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Menschen in diesem Land klagen gegen Kinderlärm. Nicht nur einer, viele! Teilzeitarbeit, selbst mit 80%, ist in den meisten Berufen ein Garant für das Ende des beruflichen Fortkommens und für langweilige Tätigkeit im Innendienst. Eine akademische Karriere? In Teilzeit? Träum weiter, Baby! Beratung mit weniger als 5 Tagen Reisetätigkeit pro Woche? HAHA, ein guter Witz! Es scheint weitgehend unumstößlich, dass verantwortliche Positionen nicht in Teilzeit ausgeübt werden können. Genauso unumstößlich ist es vielerorts, dass gute Arbeit nur im Büro, anwesend vor Ort zwischen 8 und 20 Uhr erledigt werden kann. Effizientes home office mit frei gestaltbaren Arbeitszeiten ist viel zu oft eine Utopie. Frauen, die Kinder haben oder planen (könnten) welche zu bekommen gelten als Risiko bei der Einstellung. Ja warum denn um alles in der Welt? Klar, man ist womöglich bis zu ein Jahr in Gänze weg. Aber die meisten Unternehmen ermöglichen Sabbaticals, was ist da an Elternzeit so unüberbrückbar? Und je weiter die Gleichberechtigung fortschreitet, je mehr arbeitsteilig die Kinder-Erziehung zwischen Partnern geregelt ist, desto mehr wird sich diese Diskriminierung auch auf (potenzielle) Väter ausweiten.

Und so kumuliert auch der – meinem Verständnis nach – gut gemeinte Artikel der WirtschaftswocheOnline in dem Satz: „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann in einer emanzipierten geschlechtergerechten Gesellschaft dann nur bedeuten, dass zwei in Vollzeit arbeitende Elternteile nicht die Regel sein können. Wer von beiden weniger oder vielleicht auch gar nicht arbeitet, ist deren Privatangelegenheit. Es zu ermöglichen wäre Angelegenheit des Staates und der Unternehmen.“ Und ich möchte den Autor schütteln und rufen: „NEIN, NEIN, NEIN, du hast es nicht verstanden.“ Denn hier kommen direkt wieder zwei verheerende Fehleinschätzungen, nämlich 1.) dass zwei nicht-Vollzeit-arbeitende Eltern gleichbedeutend ist mit „Ein Vollzeit+ein Teilzeit/Hausfrau“ und 2.) dass das ganze Privatangelegenheit ist.

Was ist denn bitte so schwer erträglich an der Vorstellung, dass es ok sein könnte, wenn beide Elternteile Teilzeit arbeiten, sagen wir mal 30 Stunden? Wieso misst sich scheinbar die Qualität/Verantwortlichkeit/Eigenständigkeit/Ambition eines Arbeitnehmers an der magischen Grenze von 40 Stunden? Besser noch: 40 Stunden Anwesenheit im Unternehmen/Büro/am Arbeitsplatz? Und selbst wenn eine Position tatsächlich verlangt, dass sie (mindestens) 40 Stunden pro Woche besetzt ist? Kann sie dann nicht mit zwei Personen besetzt sein? Ich finde das alles gar nicht so schwierig. Natürlich, es müssen Routinen geändert, Kommunikationswege überarbeitet, Barrieren im Kopf abgebaut werden. Aber unmöglich ist das doch nicht.

Es ist mir klar, dass der Staat einen derartigen Wandel in der Gesellschaft nicht verordnen kann. Dass nicht per Gesetz eine zutiefst familienfeindliche Gesellschaft familienfreundlich wird, dass nicht per Erlass Arbeitgeber ihre Vorbehalte überwinden. Und dennoch ist das keinesfalls Privatangelegenheit. Eine Gesellschaft, die zukunftsfähig sein will, braucht Kinder. Und zwar möglichst gesunde, geliebte und gewollte Kinder, aus denen engagierte, interessierte und selbstbewusste Erwachsene werden. Das mag nicht die Aufgabe des Staates sein, es ist aber der Kern der Gesellschaft. Und wir können nur darauf hinwirken, indem wir fordern, laut sind, machen und vorleben. Indem wir hinterfragen, uns nicht zufrieden geben. Nicht versuchen, unsere Kinder bestmöglich zu kaschieren, sondern sie als selbstverständlichen Teil von uns mit in die Arbeitswelt tragen. Nicht als Manko, nicht als Behinderung ob derer wir bevorzugt werden, nicht als Anhängsel, das es durchzuschleppen gilt. Sondern als ganz normaler Teil der Gesellschaft. Jede und jeder macht ihre und seine Arbeit. Egal mit wievielen Stunden pro Woche, egal ob zuhause oder im Büro, egal ob Lohnarbeit oder Care-Arbeit. Und jede und jeder sollte mit diesem Beitrag gleichwertig akzeptiert und mit den gleichen Chancen versehen werden. Mehr ist es ja nicht. Kein Elternteil verlangt, für die Hälfte der Stunden doppelt so viel Gehalt. Niemand möchte hier einen Extrabonus. Das einzige was wir als Eltern uns wünschen ist doch, Akzeptanz und Freiheit von Benachteiligung. Und das bedeutet dann eben manchmal Umdenken.

 Leseempfehlungen:
Dr. Mutti als direkte Replik zu dem Artikel
Johannes Korten zur Rollenverteilung in modernen Beziehungen
Catherine  zum Spagat der Vereinbarkeit und dem Fehlen einer Mütterlobby (mit tollem Comic) und der fehlgeleiteten Vorstellung Vollzeit-Eltern könnten real existieren (visionär schon vor JAHREN!)

Das war 2014 – danke tschüss und auf ein Neues!

Mein Jahresrückblick kommt dieses Jahr spät und evtl. wird er auch eher kurz. Das Jahr 2014 hat sich auf die letzten Tage nochmal richtig ins Zeug gelegt und uns mit Stress, schlechten Nachrichten und Krankheit so richtig geflutet. Da war für Weihnachtswünsche, Rückblicksposts oder ähnliches keine Zeit und vor allem auch keine Energie. In den letzten Wochen hatten wir beide, insbesondere aber Herr Siebenhundertsachen, sehr sehr viel Arbeit, viele Termine zusätzlich zum üblichen Vorweihnachtsstress, den man sich jedes Jahr wieder gar nicht machen will und dann ist er doch da. Ich war schon Mitte Dezember sehr urlaubsreif und froh nicht noch ein Weihnachtskleid begonnen zu haben. Außerdem ereilte uns dann noch kurz vor Weihnachten eine Todesfall-Nachricht aus der Familie, dicht gefolgt von einer Kündigung für unsere Wohnung und einem ziemlich miesen grippalen Infekt über die Feiertage. So waren dann alle Besuchs- und Reisepläne obsolet und wir kränkeln (Mann und Kind mit teils sehr hohem Fieber) uns nun so durch die Woche zwischen den Jahren, eine Woche, die für mich immer einen besonderen entspannten Zauber hatte. Im Real Life und in meinen Timelines kam es mir so vor, als seien alle in ähnlicher Verfassung, krank, genervt, gestresst, gründlich fertig mit diesem ablaufenden Jahr. Der vorherrschende Eindruck ist also: 2014 hau bloß ab.

Gefühlt war 2014 voll von Regen, viel zu kalt. Ich war abgehetzt und gestresst, ständig nur im Kampf mit langen lange To Do Listen. Lieben Menschen in meiner Umgebung sind sehr doofe Dinge widerfahren. Es gab keinen Sommer, dafür ein paar Frust-Kilos und unreine Haut. Ich hab gefühlt nichts so richtig, alles nur halb geschafft. Aber eine Sichtung der Fotos aus diesem Jahr, sowohl hier in der Blog-Mediathek als auch beim Erstellen des jährlichen Fotobuchs (natürlich auf den allerallerletzten Drücker) ergibt durchaus ein sehr viel positiveres Bild. Tatsächlich sieht man viel Sonne. Wenn wir auch meist für die Jahreszeit irritierend warm angezogen sind. Es gibt sehr viele Bilder vom glücklich im Garten matschenden Minimensch. Von Erntesegen und Blumenreichtum. Von leckerem Essen und Gebäck. Und von einigen genähten Lieblingsstücken. Von zwei schönen entspannten Urlauben im Mittelgebirge und -klar- auch viele von kindinduziertem Chaos. Aber das ist gutes Chaos.

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Das Jahr war für mich bestimmt vom hereinwachsen in die Vereinbarkeit, für uns vom suchen nach ausgewogener Verteilung von eigener und gemeinsamer Zeit, Arbeitszeit, Familienzeit und Freizeit. Wir sind da, glaub ich, auf einem guten Weg, auch wenn natürlich ständig und immer neu nachjustiert werden muss. Wir haben viel viel wertvolle und tolle Unterstützung erfahren, durch unsere Eltern und Geschwister und auch durch wirklich liebe und kompetente Babysitterinnen. Auch das ist ja viel wert. Zu merken „puh, das ist verdammt knapp alles, man jongliert da mit verdammt vielen Bällen, aber wir sind nicht allein.“

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Auch hatten wir beide recht grundsätzliche, richtungsweisende berufliche Entscheidungen zu treffen. Ich musste mich hier ganz genau fragen, was ich eigentlich will und zu welchem Preis. Das war für mich vor allem deshalb frustrierend, weil ich alle bisherigen Entscheidungen in meiner Ausbildung mit der Prämisse getroffen hatte, dass ich als Frau, auch mit Kindern, keinen Nachteil haben würde, nun aber doch einsehen muss, dass Familie haben in Bezug auf eine akademische Karriere sehr wohl ein Nachteil ist, es sei denn die Familie besteht aus einer Hausfrau und noch nicht schulpflichtigen Kindern. Es bleibt ein Gefühl von betrogen worden sein. Aber nur an schlechten Tagen.  Denn das nachdenken über die berufliche Zukunft hat mir auch deutlich gemacht, wie gern ich die Arbeit mache, die ich mache. Es mag stressig sein, alles unter einen Hut zu bringen und ungewiss, wohin mich das führt, aber ich gehe wirklich gern arbeiten und das tatsächlich an fast jedem Arbeitstag.

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Tatsächlich habe ich auch Dinge fertig gestellt. Sogar ziemlich viele Lieblingsstücke. Ich habe mir erstmals (in reverse order) einen Wintermantel, zwei Petticoats und ein Jackett genäht. Das hätte ich noch vor 2 Jahren kaum für möglich gehalten. Außerdem mehrere sehr schöne Kleider, einige Tellerröcke, zwei Trägerröcke und viele viele Kindersachen. Ich habe sogar ein Jäckchen gestrickt. Heureka.

 

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wpid-img_20140626_103110.jpg  wpid-P1060258.jpg Und in der Nähnerdwelt war das ein ziemlich tolles Jahr, finde ich. Ich war – wenn auch nur kurz – beim Bloggerinnentreffen in Bielefeld, wir hatten zwei großartige Stoffwechselrunden, die mir ziemlich viel Spaß gemacht, nur so mit Nähnerdflausch um sich geworfen und zwei tolle Kleidungsstücke eingebracht haben und den Abschluss bildete das Köln-Bielefeld-Treffen mit Stoffshopping in Krefeld. Ich habe viele tolle nähnerds (wieder) getroffen, sehr viele neue Blogs zu meinem Reader hinzugefügt und enger werdende Online-Freundschaften gehegt und gepflegt.

2015 wird, das ist nun ja schon sicher, für uns einen Umzug (und je nach Lage dann auch noch die Suche nach einem neuen Kitaplatz) bringen, eine räumliche Neuorientierung also. Ich hoffe, dass dafür beruflich etwas mehr Routine einkehrt und wir uns da so langsam eingrooven. An der Nähfront würde ich dann doch gern dem Probejackett nun mal ein Kostüm folgen lassen, auch Unterkleider und -röcke stehen auf der Liste. Und natürlich, ganz bald, schon ein paar Oberteile. Schnitte und Stoff sind da. Zeit allerdings gerade eher nicht so. Nunja. Ein paar Nähte hier und da schaffe ich ja scheinbar auch zwischendurch.

 

Tagebuchbloggen am 28.10.2014

Der Tag beginnt um 5.00 mit fröhlichem Gebrabbel aus dem Babyfon. Aus unerklärlichen Gründen hat der Minimensch mit der Zeitumstellung seinen Rhythmus in die falsche Richtung verschoben. Statt bisher um sieben erwacht er nun nach neuer Zeit schon den dritten Tag in Folge um fünf. Und das obwohl er zur passenden Zeit am Abend einschlief. Ich war am Abend auch nicht ganz pünktlich im Bett und bin wenig begeistert nach knapp 6 Stunden geweckt zu werden. Ca 40 Minuten lang dösen wir also noch vor uns hin, während der Minimensch offenbar seinen Stofftieren Geschichten aus 1001 Nacht erzählt. Um 5.40 wird er allerdings ungehalten und ich gehe zu ihm rauf , gebe ihm Wasser und einen Beißring und erkläre ihm, dass es noch dunkel ist und alle noch schlafen. Er akzeptiert, sich nochmal mit mir ins Bett zu kuscheln, schläft aber nicht mehr. Um kurz nach 6 wird er endgültig lebhaft. Wir machen also das Licht an, gucken 2 Bilderbücher an. Man merkt ihm die inzwischen 3 Nächte mit zu wenig Schlaf langsam an. Er ist quengelig, tollpatschig und sehr ungeduldig. Heute fahren wir in die Arbeitsstadt und ich frage mich, wie ich ihn auf der Fahrt wachgehalten bekomme . aber erstmal suchen wir Klamotten aus und begeben uns um 6.30 ins Badezimmer.
Wie das immer so ist wenn man müde ist dauert alles ewig. Schwupp ist eine Stunde rum bis Familie Siebenhundertsachen komplett am Frühstückstisch sitzt, die Sachen für den Tag sind auch noch nicht gepackt und der Minimensch hat einen Anfall von spontanverhungern. Das erste Stück vom frischen Brot wird ohne Belag verschlungen derweil ich Kaffee zum mitnehmen koche, Snacks und Mittagessen in Dosen verpacke und ein Brot schmiere. Der Mann über nimmt die Fütterung und anschließende Bespaßung des Raubtiers, ich packe Schlaf- und Spielsachen ein und schminke mich. Wir sind jetzt alle 3 Stunden wach und der Tag hat noch nicht mal angefangen. Ein paar Lagen Klamotten anziehen und den halben Hausstand verpacken. Um 8.20 sitzen wir, später als geplant, im Auto. Auf der Fahrt ist zum Glück eher wenig Verkehr, nur 3 km Stau (von 25) und unter Aufbietung von vielerlei Spielzeug, Grimassen, lustigen Geräuschen und Musik kann der Minimensch wach durchhalten bis wir um 8.50 bei meiner Schwester sind. Hier ist der Zwerg sozusagen zuhause, er marschiert gleich mal rein, lässt sich seine Sachen ausziehen und beginnt sein Spielzeug auszupacken. Ich Briefe meine Schwester zu essen und schlafen, knuddel das Kind kurz und Sitze um 9.05 wieder im Auto. Der Verkehr ist nicht nett und das Parkhaus schon fast voll, aber um 9.20 Sitze ich schließlich am Schreibtisch und merke eine Migräne kommen.

Ich habe keine Veranstaltung aber eine Reihe kleiner und großer Dinge zu erledigen. Ich beginne mit Mails checken und beantworten, das Protokoll der gestrigen Besprechung anfertigen und verschicken, und Schreibtisch aufräumen. Als ich damit durch bin, nehme ich eine Masterarbeit zur Hand, die ich schon seit Tagen korrigiere und … da kommt Kollege J. Also unterbreche ich, schütte Kaffee in Tassen und Milch dazu und wir halten erstmal ein Schwätzchen. Mit der zweiten Tasse Kaffee nehme ich erneut die Arbeit zur Hand, mein Kopf schmerzt und die Arbeit ist eher schlecht. Ich bin daher nicht ungeneigt, mich ablenken zu lassen, z.B. von Kollegin Z. die bei uns rein schaut, Mails, die ich sofort beantworte und anderen Dingen, die es zu besprechen gilt, ich putze auch noch mein Whiteboard, google einige nur am Rande wichtige Sinne und schreibe mir Termine auf. Gegen 11 esse ich einen Schokoriegel, der wie erhofft die Kopfschmerzen etwas lindert. Ich bin unkonzentriert aber beginne mit dem Gutachten zu der Arbeit. Daran schreibe ich, wutschnaubend, bis gegen 12 Kollegin Z. zum Aufbruch zur Mensa bläst. Nach Essen, reden und Kaffee mache ich mit dem Gutachten weiter bis gegen 14 Uhr die studentische Hilfskraft kommt und Kollege J zu seiner Vorlesung verschwindet. Die Hilfskraft ist neu und lernt gerade den Umgang mit LaTeX, so dass ich mich in den folgenden Stunden zahlreich unterbrochen sehe um ihr Dinge zu erklären. Ist aber nicht so schlimm, ich habe nämlich das Gutachten fertig und beginne mit Kleinkram. Unterlagen Korrektur lesen, mir eine ToDo-Liste schreiben, einige Mappen mit Notizen durchsehen und wegsortieren, Dinge ausdrucken, die ich im home office brauchen werde, neue Mappen suchen und nicht finden, dafür einen Schwatz mit unserer Sekretärin halten, meinen Semesterapparat kontrollieren, Unterlagen online stellen. Zackbumm sind 2 Std vorbei, Kollege J kehrt aus der Vorlesung zurück und ich muss eigentlich schon zusammen packen und den Minimensch abholen fahren. Aber da ich den Rest der Woche im home office sein werde, gibt es eben doch noch 2-3 Dinge zu besprechen und vor 16.15 bin ich dann doch nicht unterwegs. Ich halte noch bei der Drogerie an, kaufe Windeln und dies und das und bin gegen 16.45 bei meiner Schwester. Der Minimensch ist bester Laune, hat aber früh und wenig geschlafen und wenig gegessen. Wir bleiben noch auf einen Kaffee dann wird der Zwerg aber schon ziemlich nörgelig und wir packen mal lieber und sind gegen halb sechs auf dem Heimweg. Drei Kilometer Stau. Der Standard. Der Minimensch mag offenbar nicht, dass es dunkel ist und weint. Ich habe Kopfschmerzen und bin unzufrieden mit meinem Arbeitstag. Ich muss nächste Woche einen sehr wichtigen Vortrag halten und bin aber seit Tagen so müde und unkonzentriert, dass ich beim besten Willen nicht inspiriert und motiviert daran arbeiten kann.
Zuhause, wo wir um 18.15 sind, wartet erstaunlicherweise schon der Mann. Das ist dieser Tage selten. Das Essen habe ich auch schon teilweise vorgekocht, so dass der Abend entspannt eingeläutet werden kann. Der Minimensch ist nun schon wirklich müde und als wir gegen halb acht mit Zähneputzen beginnen, kuschelt er sich schon nur noch an uns an. Der Mann verschwindet mit ihm ins Kinderzimmer und ich räume die Küche auf. Danach gönne ich mir erstmal eine halbe Stunde Internet. Twitter, Blogs, Nachrichten. Gott, bin ich müde. Ich beginne halb motiviert an einem Rock zu nähen, der eigentlich nur noch Beleg und Saum braucht. Aber mein Vortrag, der unfertig und unschön ist, lässt mir keine Ruhe. Ich bitte den Mann gegen 21 Uhr, ihn sich einmal anzuhören. Danach diskutieren wir ca. 2 Stunden darüber, wie man es besser machen könnte, entwickeln Ideen für Story und Folien und sind plötzlich etwas erstaunt, als 23 Uhr und schon lang Schlafenszeit ist. Also gehen wir ins Bett, die restlichen Arbeiten am Vortrag müssen bis morgen warten.

Pendeln und Vereinbarkeit

Ich erwähnte hin und wieder, dass ich im letzten Monat sehr viel arbeitete. Genau genommen arbeitete ich etwa 45Std/Woche auf meiner 20Std-Stelle. Das war nur eine vorübergehende Geschichte, aber da zeitgleich der Mann derzeit auch mehr als rund um die Uhr arbeitet, eine ganz „gute“ Gelegenheit, den Betreuungsernstfall zu proben. Dieser Ernstfall wird eintreten, sobald der Minimensch in die Kita geht. Denn dass die Umstellung von sehr flexibler Babysitter-home office-Teilzeit-Lösung auf sehr rigide Kitazeiten-mehr Bürotage-mehr Arbeitszeit ein kleines Problemchen sein würde, schwante uns schon länger. Denn: Mind the Pendelzeiten.

Unsere unfreiwillige Testphase sah so aus: Ich war 3 Tage Vollzeit im Büro, einen vierten Tag hatte ich zuhause Betreuung da. Meine Schwester und die beiden Omas des Minimenschen wechselten sich ab. Was dann noch an Arbeit blieb machte ich abends und am Wochenende in den Mittagsschlafzeiten. Das war ziemlich stressig, denn jeden Tag passte jemand anderes auf den Minimensch auf, obwohl alles vertraute Personen, dann doch ganz schön viel Gewusel. Außerdem waren alle Beteiligten recht übermüdet und von der vielen Arbeit recht geschlaucht, das macht es nun auch nicht gerade besser.

Einmal pro Woche kam der Minimensch z.B. mit in die Arbeitsstadt zu meiner Schwester. Für die 20km Weg brauche ich morgens oft fast 1 Std, nie unter 45 Min, abends das gleiche. Die ewigen Staus sind mit Kind im Auto noch mehr eine Zumutung als ohnehin schon. Für 6 Std Arbeitszeit waren wir oft 9 Std unterwegs. Dies also der Test: Betreuung in der Nähe des Arbeitsplatzes. Mein Verdikt: Stress. Stress um sehr früh mit Kind im Auto zu sitzen, das Kind im Stau bei Laune zu halten, am Abend zur besten Quengelzeit am Einschlafen zu hindern, das Abendessen auch noch pünktlich auf dem Tisch zu haben uswusf.

Die Omatage waren für den Minimensch entspannter, er blieb ja einfach zuhause und wurde liebevollst bespaßt, ganz ohne nervige Autofahrt. Dafür war er natürlich 9-10 Std von mir getrennt. Vor allem aber war das dann für die jeweilige Oma recht anstrengend. Die eine hat nämlich am gleichen Tage noch je 1,5 Std Anreise, die andere muss so weit reisen, dass sie übernachten muss. Den vollen Omaservice wird es also auch in Zukunft nur in Ausnahmefällen geben. Wohnort-nahe Betreuung ist also für den Minimensch prinzipiell weniger stressig, aber unter Berücksichtigung von Pendelstrecken müsste der Minimensch sehr viel länger betreut werden, als ich arbeite.

Und damit zeigt sich sofort das zukünftige Betreuungsdilemma. Durch die Pendelzeiten würde selbst eine Vollzeitbetreuung nicht ausreichen, wollte ich Vollzeit arbeiten. Der Mann könnte zwar den Minimensch abholen, hat aber oft Auswärtstermine, die dann alles direkt sehr kompliziert machen. Ich habe gar nicht vor wieder Vollzeit zu arbeiten, aber mehr als 20 Std schon. Ich werde auch weiter einen Teil meiner Arbeitszeit von zuhause machen. Eigentlich bin ich also nur mittelkompliziert mit meinen Ansprüchen. Ich brauche keine Betreuung für Schichtdienst, Vollzeit plus lange Pendelstrecke oder wechselnde Außeneinsätze. Alles auch gar nicht seltene Fälle.

Dennoch ist es mit den Pendelstrecken natürlich vollkommen irrational, jeden Tag Teilzeit ins Büro zu fahren. Logisch, Umwelt- und nervenschonend wäre, nur an drei Tagen zu fahren, dafür dann 8 Std. Aber eine Betreuung finden, die eine solche Zeitverteilung zulässt? Unmöglich, außer privat. Es gibt also die Alternativen, jeden Tag zu fahren, dadurch in Summe mehr Betreuungsstunden zu brauchen, mehr Zeit im Stau zu stehen, gestresster zu sein, aber in den Regelkitazeitplan zu passen. Oder den Minimensch mit in die Arbeitsstadt zu nehmen. Das würde dann weniger Zeit in der Kita aber dafür immer den Fahrstress bedeuten. Auch nicht schön. Und immernoch müsste ich jeden Tag ins Büro, statt  nur an 3 Tagen. Denn eine Teilzeitbetreuuung, die nicht alle Tage 5 Stunden, sondern 3 Tage 8 Stunden beinhaltet, gibt es schlicht nicht. Der Zusatznachteil: Wenn ich beruflich weg bin, kann niemand den Minimensch in die Kita bringen. Also ist Wohnort-nahe Betreuung immernoch besser machbar, als Arbeitsplatz-nahe Betreuung, wenn man irgendwie vom „Jeden Tag zur gleichen Zeit ins Büro und wieder raus“-Schema abweicht.

Was wäre also ideal für uns? Eine Betreuung in einer Wohnort-nahen Kita, die flexibel genug ist, dass man das Kind an Pendeltagen lang und an home office-Tagen nur kurz hinbringen kann. Das gibt es natürlich nicht. Denn natürlich ist das logistisch schwierig. Es kann nicht jedes Kind mal kommen und mal nicht, mal mittagschlafen und mal nicht, mal mitessen und mal nicht. Allerdings sind wir ja nicht allein mit diesem Problem. Alle Freiberufler mit wechselnder Auftragslage, alle Pendler, alle Schichtdienstler, alle deren Arbeitsleben auch nur einen Hauch von Zeit-Flexibilität verlangt, sind durch die sehr starren Zeitpläne von Regelkitas vor enorme logistische Herausforderungen gestellt. Die Lösung sind dann in gutem Fall Omas und Opas oder sehr flexible Tagesmütter (gibt es in Städten mit Unterversorgung bei der U3-Betreuung praktisch nicht) und sonst eben zusätzlich privat organisierte und bezahlte Kindermädchen, Au pairs, Babysitter und damit auch wieder ein Wust an Bezugspersonen, die oft schneller wechseln als einem lieb ist. Der einfache Weg, nämlich durch den Arbeitgeber organisierte und an die Bedürfnisse seiner Angestellten angepasste Kinderbetreuung gibt es ja wirklich nur in Ausnahmefällen.

Ich bin erstmal ganz froh, dass unser Kombinat aus Time-sharing, home office und Babysitterin derzeit bei Regelarbeitsbelastung ganz ok funktioniert. Unter der Opferung von Abend-Freizeit und nur ermöglicht durch enorme Zugeständnisse in Sachen Zeit- und Ortflexibilität meines Chefs und meiner KollegInnen. Und da wir ja eh nur sehr geringen Einfluss darauf haben, wo wir einen Kita-Platz bekommen und wann (denn das mit dem Anfang des Kindergartenjahres ist ja dann auch nochmal ein Thema, das sehr am Bedarf vorbei ist.) warten wir nun also ab und organisieren dann die Arbeit und das Leben um die Kita, nehme ich an. Was stellen wir uns auch an. Wir könnten ja auch einfach a) einen 8-15.30-Regeltag-Job direkt neben der Kita machen. Oder b) ein Einverdiener-Haushalt sein. Beides total valide Optionen, nicht wahr?

Mutterschaft – Ein Jahr

Schon seit einiger Zeit ist der Minimensch ein Jahr alt. Zahlreiche real life- Verpflichtungen haben mich daran gehindert, das adäquat würdigen zu können.

Dieses eine Jahr hat mein und unser Leben unglaublich durcheinander gewirbelt. Ähnlich dramatische Änderungen bringen wohl nur der Auszug von zuhause und Auslandsaufenthalte mit sich. Ich bin anders, der Mann ist anders, das Leben ist anders, alles anders und gleichzeitig, und das ist schwer zu begreifen, wenn man selbst (noch) keine Kinder hat, enorm vertraut.

Ich neige nicht dazu, Mutterschaft/Elternschaft zu mystifizieren. Das gilt für schwanger sein, stillen und leben mit Baby gleichermaßen. Es ist nun wirklich nicht immer eitel Sonnenschein und da kann auch das strahlendste Kinderlächeln nix dran rütteln. Ich kann der Überhöhung von Mutterschaft, die aus vielen Mütterblogs spricht, der geradezu Verehrung des Bauches, der Glorifizierung des Stillens, der übermäßigen Aufopferungsmentalität, die man im „Mami-Netz“ finden kann überhaupt nichts abgewinnen. Da finde ich mich nicht wieder. Dennoch, ich bin gern Mutter und würde um nichts in der Welt tauschen wollen.

Man hat ja im Vorfeld Erwartungen, positive und negative. Man stellt sich schon vor, dass man so einen Minimensch ziemlich ins Herz schließt. Dass es cool ist, Entwicklung zu beobachten. Dass Kinder manchmal echt witzig sind. Und natürlich auch, dass man wenig Schlaf bekommt. Dass es ganz ganz schlimm ist, das Kind krank zu sehen, dass das Leben irgendwie unflexibler wird. So Sachen. Dennoch für mich war dieses Jahr auch voller Überraschungen.

Es ist Wahnsinn, wie rasant schnell so ein Baby wächst und sich verändert. Wie schnell es Dinge lernt. Und gleichzeitig aber auch, wie vollkommen hilflos und auf einen angewiesen es ist. Ich war vollkommen platt von dem Gefühl, wie sehr ich mit diesem kleinen Wesen verwoben bin, wie sehr ich es als Teil von mir sehe und sehen muss. Und auch erleichtert in gewisser Form, als sich das langsam etwas löste. Als zumindest die Ernährung des Kindes nicht mehr von mir abhing, als auch andere auf es aufpassen konnten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so eingeschränkt fühlen würde. Aber man macht sich das Ausmaß der Einschränkung ja nicht bewusst, dass man als HauptbetreuerIn immer zu zweit ist, im Bad, auf dem Klo, beim einkaufen, bei der Hausarbeit, immer.

Was ich in diesem kleinen Alter überhaupt noch nicht erwartet hätte, ist, wie deutlich der Minimensch seine Gefühle ausdrücken kann. Diese unbändige Freude, wenn man nach Hause oder auch nur aus dem Keller kommt. Die freudige Umarmung morgens im Bett. Das flasht mich jeden Tag aufs Neue und – ein bisschen stimmt es ja schon – kompensiert auch so manchen Wutanfall. Überhaupt Wut. Was für ein kleines Rumpelstilzchen das Kind sein kann. Unglaublich.

Vollkommen unerwartet hat uns auch dieses Gefühl getroffen, eine Familie zu sein. Ein bisschen als sei es schon immer so gewesen. So als hätte dieser kleine Mensch schon immer am Tisch zwischen uns gesessen und fröhlich Kartoffeln auf seine Gabel gepiekst oder Käsebrot in den Mund geschoben.

Und dann ist so ein Minimensch ja tatsächlich schon recht bald eine Person. Mit Eigenheiten, Vorlieben und Gewohnheiten. Das ist echt erstaunlich. Wie distinkt Kinder sind, wie wenig sie einander eigentlich gleichen. Man kennt die Stimme, die speziellen Gesichtsausdrücke, die Anzeichen für Müdigkeit und Zahnschmerzen. Und eben den Charakter und sei er noch so unfertig.

Die Liste der Überraschungen ließe sich natürlich noch lang fortsetzen. Aber natürlich gibt es auch die Gegenseite, das woran man sich eher mühsam gewöhnt. Gar nicht so sehr Schlafmangel und Schreien, da rechnet man ja mit und weiß auch, dass es vorbei geht. In erster Linie fehlen mir tatsächlich eher kleine Dinge, die Teil von persönlicher Freiheit sind. Im Auto laut Musik hören. Spontane Verabredungen. Essen, wann man Lust hat, nicht wann Essenszeit ist (& fast food). Wenn ich gerade gut drin bin, auch weiterarbeiten zu können. In Ruhe duschen. Ganz allein sein. Sowas. Zeit-Autonomie könnte man das ganze wohl zusammenfassend nennen.

Was keine echte Überraschung für mich war: ich tauge nicht zur Hausfrau. Die ersten Monate hat das noch nicht so gestört, da waren die Tage noch recht flexibel, der Minimensch schlief noch viel, da hab ich erstmal viel genäht und mich in den Alltag mit Kind eingefunden. Aber ich war auch immens froh, als ich nach 9 Monaten wieder einen Nachmittag arbeiten ging, als ich nach 11 Monaten wieder in meinen Job zurück konnte. Es ist unglaublich anstrengend zu arbeiten mit Kind. Aber ich liebe meinen Job und brauche ihn. Ich brauche Kontakt mit anderen Erwachsenen als meinem Mann. Ich bin ein zutiefst sozialer Mensch, ich bin mir selbst einfach nicht genug. Ich würde umgekehrt nicht Vollzeit arbeiten wollen zur Zeit. Ich hätte das Gefühl zu viel zu verpassen und ich fände es auch organisatorisch schwierig. Minimensch und Arbeit brauchen und bekommen beide ihren Raum, das ist so schon OK.

Auf die Frage, wie das Elternsein so ist, antworten wir gern: „Toll aber müde“ und letztlich ist es genau das.

Tagebuchbloggen am 27.05.14

Ich habe schon verschiedentlich solche dokumentierten Tage gelesen z.B. bei Nike, Mama arbeitet oder Novemberregen und fand das immer sehr spannend. Mein eigener Tag kommt mir nun irgendwie sehr belanglos vor, dass ich ihn kaum veröffentlichen möchte, aber wo ich schonmal alles akribisch aufgeschrieben hab, gibt es das jetzt auch zu lesen. Basta. Seit einigen Wochen finden wir uns ja hier in den Beide-Eltern-arbeiten-Alltag ein, da lohnt sich ja vielleicht mal ein Blick. Ich arbeite 50%, davon einen Vollzeittag im Büro, den Rest von zuhause. Ich arbeite also im Schnitt 3 Stunden pro Tag und passe zeitgleich auf den Minimensch auf. An meinem Bürotag arbeitet der Mann zuhause. Den Minimensch so noch ein Jahr selbst betreuen zu können ist ein großes Privileg und nur durch die Flexibilität bei Arbeitszeit und -Ort an der Uni möglich. Leider auch ein stressiges Privileg, denn letztlich machen wir zu zweit 2,5 Vollzeitjobs, das passt nur ziemlich knapp in die Zeit der Woche rein. Immerhin werden wir demnächst noch einmal pro Woche einen Babysitter haben. Wie also sieht so ein Tag im kombinierten Hausfrau-Home-office-Leben aus?

Der Tag beginnt um 1.34, der Minimensch der zahnt und eine fiese Erkältung hat, wimmert schon die ganze Zeit im Schlaf. Nun ist er vom Husten aufgewacht. Ich gebe ihm ein paar Schlucke Wasser und hole ihn im unser Bett, wo er sich an uns beide angekuschelt wieder beruhigt. Ab jetzt muss ca alle 30 Minuten kurz das wimmernde Kind gestreichelt und beruhigt werden, das machen wir abwechselnd. Um 3.45 ist er wieder richtig wach, wirft sich herum und findet keine Ruhe. Ich gehe mit ihm ins Wohnzimmer und wir setzen uns in den Schaukelstuhl. Nach 15 Minuten schaukeln ist er tief eingeschlafen, ich lege ihn in sein Bett und freue mich, noch ein Ründchen Platz im Bett. Um 5.00 weint der Minimensch erneut. Ich hole ihn zu uns, wo er bis 6.00 noch einmal in einen unruhigen Schlaf fällt. Um sechs ist er schlagartig hellwach und fröhlich, an Schlaf nicht mehr zu denken. Ich ärgere mich, denn eigentlich schlafen wir bis mindestens halb sieben. Er wird schon um acht wieder müde sein, das ahne ich. Eigentlich wäre es gut, jetzt sofort was sinnvolles zu machen, z.B. zu duschen, aber ich kann mich beim besten Willen nicht zu mehr zwingen, als auf dem Sofa zu liegen. Ich komme abends nicht vor elf zum schlafen, obwohl ich es mir täglich vornehme, das rächt sich dann am Morgen.

Der Minimensch spielt sehr fröhlich im Wohnzimmer, ich liege auf dem Sofa und beginne diesen Blogbeitrag. Außerdem mache ich mir eine berufliche und private To-Do-Liste für den Tag. Die meisten Punkte standen gestern auch schon drauf. Mimimimi.

Um 6.30 fühle ich mich dem Tagwerk gewachsen und verfrachte den Minimensch ins Bad, wo ich schnell dusche und dann den sich wehrenden Minimensch tagfein mache. Wickeln ist hier derzeit nicht hoch im Kurs bei der Filialgeneration. Mein in der Nacht keimender Verdacht, er könne wieder Fieber haben, bestätigt sich beim nachmessen zum Glück nicht. Der Blick aus dem Fenster stimmt nicht gerade fröhlich, ich steige grummelnd in eine Strumpfhose und ein ungeliebtes Jerseykleid und verspreche mir, mir heute abend endlich mal wieder was zu nähen. Um 7 sind wir beide so weit fertig. Der Mann ist inzwischen auch aufgestanden und kann mir somit beim lästigen Naseabsaugen und Nasentropfen verabreichen helfen. Ein Glück.

Ich mache Frühstück, der Minimensch hat offenbar schon Hunger denn er hängt jammernd an meinem Bein. Ich gebe ihm erstmal die Schnabeltasse mit Wasser, um ihn zu beschäftigen, während ich noch Brot schneide und den Tisch decke. Mir fällt auf, dass ich unseren Jahresvorrat Tee bestellen muss. Ich setze es auf meine To-Do-Liste. Während ich dem Minimensch sein Brot füttere, checke ich zum ersten Mal meine Arbeitsmails. Glücklicherweise ist aber nix dringendes los im Posteingang. Eine Mail werde ich später in Ruhe beantworten. Das Frühstück zieht sich fast bis acht, das Essen mit Schnupfen ist mühsam immer wieder muss ein bisschen Ablenkung betrieben werden. Ich genieße es sehr, mit dem Mann zusammen zu frühstücken, das gab es früher unter der Woche nicht, da stand er auf, wenn ich aus dem Haus ging. Man ist ja als Eltern doch zwangsläufig sehr viel eher wach, der Tag hat mehr Stunden und doch immer noch zu wenige.

Kaum vom Frühstückstisch aufgestanden zeigt der Minimensch ein verdächtiges Gähnen. Er macht eigentlich keinen Vormittagsschlaf mehr, aber wenn er wie heute zu früh wach war und kränkelt, dann hat er um 8 einen sehr tiefen Punkt. Solang der Schlaf vor 9 liegt, klappt es trotzdem mit dem Mittagsschlaf. Ich ziehe ihm ein frisches Shirt an, das hat das Frühstück schonmal nicht überlebt und pack ihn in die Manduca. Während ich die Küche aufräume pennt er auch tatsächlich ein. Ich ringe mit mir, ob ich auch einen Schlaf einlegen soll. Es gäbe auch einiges anderes wofür ich diese halbe Stunde nutzen könnte. Ich entscheide schließlich doch für ein Nickerchen. Ich gebe dem Mann noch schnell einen Abschiedskuss, schäle uns aus der Manduca und verfrachte uns ins Bett. Ich kann zwar nur dösen, finde nicht wirklich Schlaf, aber kann die Ruhepause dennoch gut brauchen. Der Mann wird heute wegen eines Termins später als üblich nach Hause kommen. Das bedeutet für mich einen anstrengenden Tag mit wenig Pausen und viel arbeiten am Abend. Gestern war das auch schon so. Um 9.15 pennt der Minimensch immer noch, eine ganze Stunde Vormittagsschlaf. Das ist ungewöhnlich. Ich bette ihn in sein Bett um und stehe auf. Ich muss noch ein Päckchen und einen Brief fertig machen, die ich nachher mit zum einkaufen nehmen will.

Kaum habe ich am Computer Platz genommen, um das Versandetikett zu drucken, ist der Minimensch wach. Ich gehe runter, hole ihn rauf, erstellen wir das Versandetikett halt zusammen. Hat ja keiner gesagt, sowas müsste schnell gehen, ne?

Ich packe das Päckchen. Danach setze ich den Minimensch in sein Bettchen und gehe eine von den 12 Millionen Maschinen wartender DreckWäsche einwerfen, ich bringe auch noch den Inhalt sämtlicher Mülleimer runter. Im Vorbeigehen räume ich das Schuhregal auf und stelle fest, dass ich dringend mal Schuhe putzen müsste. Nicht heute, heute ist meine Liste eh schon voll. Ich mache den Spül fertig, den ich zugunsten des Nickerchens stehen ließ. Und schwupp ist 10 Uhr, Zeit für des Minimenschen Vormittagssnack. Ich schneide ihm ein paar Stücke Obst, bereite aber auch einen Brei vor, Obst in Stücken wird hier plötzlich vehement ausgespuckt, dabei wurde letzte Woche noh alles verschmäht, was wie Babyessen aussieht. Mir koche ich den ersten Kaffee für heute. Das Stückobst wird liebevoll befühlt und dann liebevoll auf den Boden geworfen. Nunja, wischen steht eh auf meiner Liste… ich füttere Brei und schreibe meinen Einkaufszettel und checke meine Arbeitsmails. Immernoch nix wichtiges. Gespenstisch. Der Minimensch möchte nicht viel essen und dann auch bitte schnell raus aus seinem Stuhl. Aber allein auf dem Boden ist es auch doof. Jammernd hängt er an meiner Stuhlkante. Ich fülle den restlichen Kaffee in einen Thermobecher und begebe mich auf die Suche nach Briefumschlag und Briefmarke. 10 Minuten verschwende ich darauf, mein Handy zu suchen, dass ich neben dem Rechner liegen gelassen hatte. Der Minimensch hat derweil den Schrank mit den Einkaufstaschen ausgeräumt. Es regnet in Strömen. Nicht gerade das Wetter bei dem ich mit dem Minimensch gern das Haus verlasse. Aber wir müssen einkaufen. Mein Tag ist in Zeitfenster unterteilt und das Einkaufszeitfenster ist morgens. Also das Kind in die Regenjacke und um 10.30 los.

Erste Station Post-Kiosk, danach Supermarkt. Irgendwie landet doch wieder viel mehr als geplant im Einkaufswagen. Ich entschließe mich, trotz anhaltenden Regens die 500m zur Drogerie zu laufen und nicht das Auto umzuparken. Mit Schirm leider aber ohne Einkaufstasche, die habe ich vergessen. Ich werde wohl schon wieder eine dieser „IchwarmaleineFlasche-Taschen“ kaufen. Damit kann ich schon unseren gesamten Hausstand einpacken, so viele haben wir davon. Der Minimensch ist bester Stimmung, er brabbelt in der Trage friedlich vor sich hin und flirtet vorbeikommende Frauen an. Meinr Laune steigt, auch, weil ich im Vorbeigehen in einem Spiegel gesehen habe, dass ich deutlich weniger müde aussehe, als ich mich fühle.

11.45 sind wir wieder zuhause, die Einkäufe lasse ich im Auto, erstmal ins trockene mit uns. Ich werfe den Rest des Maultaschenteigs von gestern abend in den Rest der Spargelsuppe von gestern mittag und habe so für mich einen Eintopf kreiert. Für den Minimensch habe ich gestern schon mitgekocht. Der ist froh, wieder frei zu sein und stürzt sich voll Wonne auf den Berg ungefalteter Wäsche im Wohnzimmer, den er nach seinem Ordnungssystem, das nur er kennt, sorgfältig zu Stapeln rund um den Korb auftürmt. Dank langem Vormittagsschlaf von Müdigkeit keine Spur. Ich bin froh, dass er sich heute so gut selbst beschäftigt, eine angenehme Abwechslung zur letzten Woche, wo er praktisch an mir festgewachsen war. Ich nutze die Gunst der Stunde und räume die Spülmaschine aus. Beginne mit Wäsche falten, jedes Teil zählt. Dann wechsel ich dem Minimensch die Windel und wo ich mich gerade eh schon unbeliebt mache, sauge ich auch noch die Nase ab und verabreiche Nasentropfen. Die Zeit bis das Mittagessen um 12.35 fertig ist, vertreiben wir uns mitTürmchen bauen. Die Baubecher stehen hoch im Kurs derzeit.

Beim Essen ist der Minimensch sehr plötzlich sehr müde. Viel vom Essen landet in den Händen, auf dem Boden, auf dem Kind. Zweite Essenschweinerei für heute, aber ich muss ja eh noch wischen… als wir das Schlafzimmer betreten bricht das Kind auf der Stelle in Geschrei aus. Egal wie müde, das Ansinnen, es möge schlafen, ist und bleibt eine Zumutung. Durch wiegen und summen siegt aber dann doch schnell der Schlaf. Ob das Kind eines fernen Tages noch vor dem Abitur lernen wird allein und ohne Gezeter in seinem Bett einzuschlafen kann heute wiederum nicht geklärt werden. Ich gönne mir ein paar Minuten Kuschelzeit und schaue erstmals heute in meinr Twitter-Timeline. Schließlich lege ich das friedlich schnorchelnde Kid ab, hole mir meinen Thermotassenkaffee, ignoriere das Essenschaos in der Küche und sitze um 13.20 am Schreibtisch.

Tatsächlich gibt es inzwischen doch 2-3 Mails zu beantworten. Danach lese ich. Ich bin gerade in der Recherchephase eines neuen Projektes. Das mag ich nicht besonders, ich kann mich beim lesen schlecht bei der Stange halten, gerade wenn ich so am Anfang stehe und es echt nicht zeitlich eng ist. Aber ich mache mir konzeptionelleNotizen, habe ganz gute Ideen, es läuft gut.

14.25 Geräusche aus dem babyphone. Pause, Kind huckeln, das weinend in seinem Bettchen saß. Einmal auf dem Arm schläft er sehr schnell wieder ein. Ich gehe weiterlesen.

15.00 wieder Geräusche, das Kind steht fröhlich im Bett, ich denke, es hat ausgeschlafen. Nehme ihn hoch und Zack, ein Wunder. Er pennt. Na gut. Ich gehe wieder an die Arbeit, bis der Minimensch um 15.30 tatsächlich ausgeschlafen hat. Ich bin hochzufrieden mit meiner Arbeit.

Der Minimensch ist anhänglich aber fröhlich. Ich setze ihn zurück in sein Bett, gehe eine weitere Wäsche einwerfen, auf dem Rückweg bringe ich trockene Wäsche und den Einkauf aus dem Auto mit. Abgesetzt werden war uncool, der Minimensch ist nun klammerig. Ich bringe die Küche in Ordnung und räume den Einkauf aus, tatkräftig unterstützt vom Minimensch, der sich größte Mühe gibt, den Küchenfußboden möglichst vollständig mit dem Inhalt der Tüten zu bedecken und rumpelstilzchenesk ausrastet, als ich einen Teil der Sachen in die Abstellkammer trage. Ja gut. Kommt vor. Ich beginne derweil den nächsten Snack vorzubereiten, ich gebe das mit den Obststücken nicht so schnell auf, und Kaffee zu kochen. Die Spülmaschine einräumen gestaltet sich schwierig, da das Kind versucht hineinzukriechen.

16.00 Uhr, wir essen unseren Snack. Die Stücke kommen gar nicht gut an. Bah, wer will sowas essen? Der Minimensch jedenfalls nicht. Doch Brei also. Auch den zu essen dauert. Alles ist so interessant, da muss man zeigen, erklärt bekommen usw. Nach dem füttern ist der Minimensch wieder gnädig bereit allein auf dem Boden zu spielen. Ich gönne mir zum Kaffee zwei Stücke Schokolade und ein bisschen Twitter. Außerdem sinniere ich darüber  wie ich wischen könnte, ohne dass ich nachher einen jammernden oder nassen Minimensch oder Rückenschmerzen hab. Im Bettchen lassen geht nicht, rumkrabbeln lassen auch nicht, tragen ist anstregend. Ich entscheide mich, das ganze Raum für Raum anzugehen.

Aber erstmal überall das Minimenschinduzierte Chaos aufräumen. Wir machen das zusammen. Ich ein Teil in die Kiste, er ein Teil in die Kiste. Ich bräuchte eine Pause, das merke ich daran, dass ich einfach in die Luft starre, während der Minimensch das gerade eingeräumte wieder ausräumt. Also raffe ich mich auf, mache Wischwasser und wische Raum für Raum, zuletzt Wohnzimmer. Im Schlafzimmer kommt der Minimensch ins Bett, im Bad in die Badewanne, in der Küche in den Hochstuhl. Danach gehen wir nach oben ins Spielzimmer, damit alles trocknen kann. Der Minimensch liebt sein Spielzimmer und ist ganz in seinem Element. So richtig lang bei einem Spiel dabei bleiben möchte er aber heute nicht. Wir spielen ein bisschen Ball, dann klettert er lieber auf die Matratze und wieder heruntert. Ich beschließe, dass ich es mal probiere einige der Punkte auf meiner Liste abzuarbeiten, für die ich einen Computer brauche. Am wichtigsten: Onlineapotheke. Kaum bin ich über das Gitterchen geklettert und sitze nebenan am Computer ist der Minimensch aber nicht mehr so selbst vergessen, sondern apportiert mir Bilderbücher zum Gitterchen und verlangt meine Aufmerksamkeit. Also schnell die Bestellung abschicken und dann Bücher vorlesen. Um 1745 muss ich unser Spiel unterbrechen um kochen zu gehen. Um diese Zeit ist der Mann sonst schon längst zuhause. Die Zeit wird mir lang, ich merke, dass ich diese 1-2 Stunden Verschnaufpause am Nachmittag dringend brauche und die Quengelstunde eigentlich zu viel für mich ist. Der Minimensch ist allerdings zum Glück gut gelaunt. Er räumt zum zweiten Mal heute den Schüsselschrank aus und spielt friedlich. Als alles Gemüse in der Pfanne ist, räume ich Stück für Stück mit ihm den Schrank wieder ein.

Wir gehen rüber ins Wohnzimmer. Er kommt mir sehr aufgedreht vor, ich versuche, ihn zu überreden, ein Buch anzuschauen oder etwas ruhiges zu spielen. Aber er bleibt nicht bei der Sache, lieber klettert er auf den Fußhocker unseres Sessels. Drauf runter drauf runter. Ich falte weiter am Wäscheberg. Um 18.15 erkundige ich mich via Chat beim Mann, wann er kommt. Als er sich für bald ankündigt, werfe ich die Eier in die Pfanne, packe den Minimensch in die Manduca und gehe in den Keller um die Wäsche aufzuhängen. Dabei stelle ich fest, dass ich am Nachmittag die Maschine gar nicht angemacht hatte. Ich verlasse also weitgehend unverrichteter Dinge den Keller und decke den Tisch.

Um 18.35 ist der Mann ist der Mann noch nicht da, der Minimensch wird aber jammerig. Ich fange an, ihn zu füttern und hoffe, dass er das relativ stückige Essen überhaupt nimmt. ZIM Glück ist es Shakshuksha, die er sehr gern mag, er haut ordentlich rein. Allerdings ist er nun so müde, dass ihm fast der Kopf in den Teller fällt. Als der Mann um 18.45 kommt setzt aber der „YeahPapaistdaEffekt“ ein und wir können mit fröhlichen Kind in Ruhe zu Ende essen.

19.10 Mann und Kind verschwinden im Schlafzimmer, ich erwische mich auf Twitter, rufe mich zur Ordnung, räume die Küche auf und sitze19.30 wieder am Schreibtisch. Ich habe eine Mail von meiner Kollegin Z. bekommen, mit Daten und einem Modell für ein Paper an dem wir schon länger arbeiten. Ich freue mir einen Ast. Ich mag das Paper und arbeite gern mit Z. zusammen, vor allem aber heißt das, dass ich die nächsten Tage statt nur zu lesen was tun kann. Juhuu. Ich chatte mit Z. um abzusprechen, was zu tun ist, denn sie ist ab morgen im Urlaub. Danach werfe ich einen ersten Blick in die Dateien. Dabei fällt mir eher zufällig auf, dass mein Rechner offenbar beim synchronisieren gewaltigen Mist baut und sehr viele Dateien in verschiendenen Versionen existieren. Das ist eine Erklärung für allerlei Probleme, die ich in letzter Zeit beim arbeiten von zuhause hatte. Ich ärgere mich, werfe erstmal ein Backup an und schreibe eine Mail an die IT. Während mein Rechner Dateien kopiert, chatte ich ein bisschen und beantworte eine weitere Mail. Um 20.45 beschließe ich, dass mein Rechner auch allein weitermachen kann und ich mir das ganze morgen angucke. Ich gehe auf die Suche nach dem Mann, der scheinbar beim Minimensch eingeschlafen ist. Gegen 21 Uhr finden wir uns mit einem Glas Wein auf dem Sofa wieder und kommen endlich dazu, den Tag zu besprechen .Um  21.10 weint der Minimensch, ich gehe nach ihm gucken und beruhige ihn. Danach hole ich mir Stoff und Schnitt für ein Vogue 8787 Probekleid runter und beginne mit dem Zuschnitt. Ich wollte ja nähen! Und ich brauche für eine Hochzeit in 10 Tagen ein Kleid. Dies hier wird das Problekleid. Der Zuschnitt gestaltet sich schwierig denn ich habe etwa 1,5m zu wenig Stoff – wie immer habe ich nur 2m gekauft und bräuchte 3,5 für dieses Kleid. Kann ja keiner ahnen. Also Zuschnitttetris, unterbrochen von Gewimmer des Minimenschen um 21.40. Um 22.25 bin ich fertig mit zuschneiden. Punkt 22.30 , also genau zu der Zeit, wo ich eigentlich im Bett liegen und auf der Stelle einschlafen möchte, weint der Minimensch. Er lässt sich kaum beruhigen, wirft sich auf dem Arm herum, hat Durst und die Nase zu. Der Mann und ich machen uns im Wechsel bettfertig und huckeln das arme Kind.  Nach 23 Uhr liegt er endlich zwischen uns und schläft wieder friedlich.

Ich lasse noch einmal den Tag Revue passieren. Was ich nicht gemacht habe: Mich bei zwei Freundinnen gemeldet, was ich schon lang tun wollte, gestrickt, den Rasen gemäht (es regnete ja), meinen Feedreader auch nur geöffnet, geschweige denn Zeitungsartikel oder gar ein Buch gelesen. Dennoch: Bis auf den Tee habe ich alle Punkte auf meiner To Do Liste erledigt, ich habe ordentlich gearbeitet, musste dem Chaos in der Wohnung zumindest keinen Zoll Boden geben, auch wenn ich ihm wohl auch keinen Boden abringen konnte und ich habe etwas zugeschnitten. Insgesamt ein guter Tag. Ich schlafe mit dem Gedanken, dass ich eine Verlängerung der Frist für die Steuererklärung beantragen muss, deutlich zu spät ein.

Vereinbarkeit – der lang bedachte Nachschlag

Vor ca einer Trillion Monden habe ich den Artikel von Marc Brost und Heinrich Wefing zur Vereinbarkeitslüge und zwei Repliken dazu hier im Wochenrückblick verlinkt und angekündigt, ich hätte dazu auch noch eigene Gedanken. Hatte/habe ich auch, allein, manchmal sind Blog und Leben nicht so gut vereinbar und komplexere Gedanken müssen etwas warten, bis Zeit bleibt, sie zu formulieren.

Ich möchte vor allem zwei Aspekte nochmal genauer betrachten. Zunächst die Frage: welche Art vom Vereinbarkeit streben wir denn eigentlich an? Ist denn überhaupt erstrebenswert, was von den beiden Autoren als nicht-erfüllbares Ideal dargestellt wird? Da wird davon gesprochen, dass man sich schlecht fühlt, wenn man Zeit mit dem Kinde verbringt und zeitgleich mal eben schnell emails checkt, am Laptop sitzt, das Tablet in beruflichen Belangen bedient und dergleichen mehr. Entschuldigung! Das bedeutet also, Vereinbarkeit, wie sie idealerweise ist und nicht erreicht werden kann heißt: rund um die Uhr im Dienst und zeitgleich immer ein toller Vater/Mutter sein. Nun, es braucht keinen akademischen Abschluss um zu erkennen, dass diese Rechnung auf mehr als einer Ebene falsch ist. Das Problem liegt hier, finde ich, keinesfalls beim Elternsein, das ist nichtmal eine echte Frage von Vereinbarkeit, sondern vielmehr geht es hier um eine grundsätzlich Aufweichung der Trennung von Arbeitszeit und – wie auch immer genutzter – Privatzeit. Es ist sicher inzwischen ein Faktum, dass sehr viele Arbeitnehmer sich direkt oder indirekt verpflichtet fühlen, auch abends und am Wochenende erreichbar zu sein, auch zu reagieren, und so ihre Privatzeit in home office mit Freizeitanteilen zu verwandeln. Allein: wollen wir das? Sollten wir das zulassen? Müssen wir das mitmachen? Sagen wir es zusammen: „NEIN! NEIN UND NOCHMALS NEIN!“ Es ist vielleicht so, dass (den meisten) Eltern die Privatzeit heiliger ist, als (den meisten) Nicht-Eltern. Aber ich halte es für fatal, die schleichende Verberuflichung der Privatzeit als eine Frage der Vereinbarkeit zu kommunizieren. Es gibt gute Gründe, warum wir Anspruch auf Urlaub, Wochenende und Feierabend haben. Auch für den Arbeitgeber. Wir sind Menschen und wir leben nicht, um zu arbeiten. Wir brauchen unsere Freizeit, damit wir gute Arbeit leisten, kreativ sein, motiviert sein und verantwortungsbewusst handeln können. Niemand, ob nun Eltern oder nicht, sollte die leichtfertig aufgeben. Und auch wenn „das erwartet wird“ und „heutzutage selbstverständlich ist“ , „man anders eben nicht Karriere machen kann“ lohnt es sich doch vielleicht, hier schärfere Grenzen zu ziehen, einfach mal das Mailprogramm oder gar das ganze Handy auszumachen. Vielleicht geht dann die – berufliche – Welt ja gar nicht unter, wer weiß? Und wenn jeder hier wieder deutlicher NEIN sagte, könnte auch keine anderslautende Erwartung mehr befüttert werden. Und das gilt eben für alle. Echte Privatzeit ohne beruflichen Druck im Hinterkopf ist natürlich gut für Eltern und Kinder, aber eben auch für jeden anderen.

Der zweite Aspekt betrifft die Gruppe, die mit dem Artikel und mit den meisten zu dem Thema angesprochen wird. Es wirkt, wenn man sich diesen und das gros der anderen Artikel durchliest so, als sei Vereinbarkeit primär ein Problem von besserverdienenden Akademikerpärchen. Da will die Frau eben gern auch beruflich erfolgreich sein und der moderne gebildete Mann von Welt möchte gern am Leben der Kinder teilnehmen, aber beide fühlen sich davon überfordert, ausgelaugt, gestresst. All diese Erwartungen und diese Ideale. Ich darf darüber spotten, denn wir sind ein Akademikerpärchen, wenn auch leider noch drin in der Akademie und daher eher nicht besser aber eben auch nicht schlecht verdienend. Was für meinen Geschmack viel zu oft außen vor bleibt ist, dass Vereinbarkeit weit wichtiger, essentieller, ja oft überlebenswichtig für andere Gruppen ist. Denken wir an all die vielen vielen Paare, für die die Berufstätigkeit beider Partner zum Broterwerb zwingend erforderlich ist. Manchmal in mehr als einem Job. Da geht es nicht um Ideale, die es zu erfüllen gilt. Da geht es darum, seine Kinder gut versorgt zu wissen und zwar dann wenn man selbst dafür sorgen kann, aber eben auch zu anderen Zeiten. Denken wir an Mütter und Väter im Schicht- und Bereitschaftsdienst, die eben oft am Wochenende, am Abend arbeiten. Und zwar nicht mit dem Tablet oder dem Handy mal eben nebenher von zuhause. Das sind die Menschen, für die bessere, zuverlässige Kinderbetreuung und eine deutlich verbesserte politische Unterstützung von Familien wirklich dringend notwendig wäre. Noch mehr für Alleinerziehende. Da erscheinen dann doch die Probleme der Herren etwas in anderem Licht. Und gerade als Journalisten sollten sie doch zumindest um die Probleme von Freiberuflerinnen wissen, die eben tatsächlich immer und gleichzeitig nie im Dienst sind. Und Selbständige… hier finden sich ja auch etliche darunter, die gerade weil die Arbeitgeber so wenig familienfreundlich sind nun selbständig sind, weil es eben nicht anders ging, weil Vereinbarkeit in vielen Unternehmen, der akademischen Welt und auch bei vielen öffentlichen Arbeitgebern ein Fremdwort ist. Und für all diese Gruppen ist insbesondere wünschenswert, was natürlich und zurecht auch wir besserverdienenden Akademikerpärchen uns wünschen: gesellschaftlicher und politischer Druck hin zu familienfreundlicheren Arbeitsbedingungen. Und zwar für alle. Und da denkt man eben schnell an die 32-Stunden-Woche für Eltern. Und an flexiblere Arbeitszeiten und -orte. Und an Arbeitsplatznahe Kinderbetreuung, die keine logistischen Meisterleistungen vom Eltern fordert, um morgens die Kinder abliefern und dennoch pünktlich zur Arbeit kommen zu können. Und an finanzielle Unterstützung für Haushalts- und Betreuungsdienstleistungen. Damit Eltern egal welchen Berufs, Geschlechts und Arbeitsumfeldes die Freiheit haben, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und die Gewissheit, dass es ihren Kindern in der Zeit in der sie nicht mit ihnen zusammen sind ebenfalls gut geht.